Die Haltlosigkeit der Welt

Theaterabend der GSS beschäftigte sich mit dem, was den Menschen ausmacht

Melsungen. Beeindruckt und nachdenklich gingen viele Zuschauer nach dem Theaterabend in der Melsunger Geschwister-Scholl-Schule (GSS) nach Hause. Die Schüler hatten zwei Stücke aufgeführt, die sie in den Kursen „Darstellendes Spiel“ erarbeitet hatten.

Das Stück „Victor“ unter der Leitung von Alexandra Schreier beginnt an zwei Stellen: Auf der Bühnentreppe sitzen drei Tierbändiger mit Peitschen. Im Zuschauerraum toben Tier-Menschen, geben unartikulierte Laute von sich, lausen sich und raufen sich die Haare. Die Bändiger machen sich auf, sie zu fangen. Nach dem Vorbild des wilden Kindes von Aveyron (Victor) oder auch Kaspar Hauser wurde die Geschichte einer möglichen Sozialisation aufgerollt.

Die Handlung ist spannend umgesetzt: Es gab acht Darstellerinnen für Victor, sieben für Dr. J. Itard. Das Ziel der Wissenschaftler ist klar: Victor muss sich der Zivilisation anpassen. Victor wehrt sich, versteht nicht, was man von ihm will. Er soll lernen, zu gehen, seinen Namen zu buchstabieren, sich zu benehmen, Gefühle zu zeigen. Wozu? Wer braucht das? Diese Fragen stehen immer im Raum und werden dramaturgisch großartig umgesetzt.

Zwei Stücke

„Im Nachhinein“ nennt sich das zweite Stück des Kurses unter der Leitung von Stefanie Schinzel. Dunkle Bühne, schwarzgekleidete Menschen liegen, sitzen, stehen herum und äußern sich, ohne eine Beziehung miteinander einzugehen. Plötzlich springt das Mädchen Lilli auf den Tisch, es folgen die Geräusche eines Selbstmordes mit dem Auto: Lilli fand keinen Halt in ihrer Umwelt. Zurückblickend mit einem alten Mann (Steffen Voß) wird aufgerollt, wie es dazu kam und welche Lösungen es gegeben hätte. Lilli, so erfährt man, hat alles mögliche erlebt. Cybermobbing, Verleumdungen durch Freunde, Eltern, die unter Druck das Beste aus ihrer Tochter herauspressen wollten und einen Freund, der kein Vertrauen in sie setzt. Niemand hilft ihr. Bis es zu spät ist - für Lilli.

Hilflosigkeit macht sich breit

Hilflos stehen sie dann alle da: der Lehrer, der etwas gemerkt hat; die Freundin, die nicht alles versucht hat; die Mutter, die trauert. Nur der Vater sieht bei sich keine Fehler und meint, alles richtig gemacht zu haben.

Die beiden Stücke entstanden unter zwei Aspekten. Dem Thema Victor hatte sich der Kurs mit Hilfe von Sachtexten, Literatur und Filmen genähert. „Im Nachhinein“ ist eine hundertprozentige Eigenproduktion. Das Stück entstand dem Thema Perspektivlosigkeit und wurde nach und nach erarbeitet und umgesetzt. Beide Stücke leben von einer geschickten, spannenden Dramaturgie und großartigen schauspielerischen Leistungen der jungen Menschen.

Alles lief reibungslos. Auch die Technik in den Händen von Florian Kühl und Victoria Krug.

Von Agnes Dürr

Fotos vom Auftritt

Die Haltlosigkeit der Welt - Theaterabend an der GSS Melsungen

Quelle: HNA

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