Außergewöhnliches Theaterprojekt: In Spangenberg lindert nur der Hase die Trauer

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Spielen mit: Katharina Fink, Christine Weisel, Denise Hoffmann (von links) führen die Besucher durch die Räume, in denen die Schauspieler agieren.

Spangenberg. Es fällt schwer, dem Mann im Gehrock zuzuhören. Das liegt aber nicht an der Geschichte, die er erzählt. Sondern an dem riesigen Hasen, der gelassen durch den Raum hoppelt. Nur gut, dass er Mümmelmann da ist: Er bildet in seiner pelzigen Präsenz einen kuschligen Gegenpart zur ungeheuren Trauer des einsamen Ex-Soldaten, der da von seiner verlorenen Liebe erzählt.

Ob man diese Geschichte ohne Hasen überhaupt ertragen könnte?

Man wünscht sich in vielen Räumen und Szenen des Spangenberger Theaterprojekts „Das Haus“ einen Hasen herbei. Um etwas Warmes, Tröstendes zu spüren. Und um mit diesem Trost all diese Erinnerungen, die mit Wucht auf den Zuschauer einwirken, besser auf Abstand halten zu können.

Die Regisseure Bernhard Mikeska (Kassel), Christina Rast (Zürich) und Yana Thönnes (Hamburg) haben Erinnerungen von Spangenbergern genommen, sie zu Geschichten verwoben und präsentieren sie als Mosaiksteine. Zusammengesetzt ergeben sie ein großes Bild. Von einer Gesellschaft, die sich wandelt: selten mit, meist aber ohne das Einverständnis des Einzelnen. Es ist das Bild einer Gesellschaft, die vieles, aber keine Gemeinschaft war. In der Frauen zum Dienen und Dulden erzogen wurden. Für die das Haus, in dem sie lebten und arbeiteten, nicht nur ein Zuhause, sondern auch Gefängnis war.

Es ist alles andere als Schonkost, die die drei Regisseure ihrem Zuschauer servieren. Und der muss ganz allein mit Themen wie Hunger, Krieg, Krankheit, Liebe und Wahnsinn klarkommen, denn er durchwandert einsam die acht Räume, in denen die Schauspieler sowohl mit ihrem Text als auch ihrem singulären Publikum spielen. Schweigende Hausgeister führen den Zuschauer von einer Szene zur anderen, geleiten ihn durchs ganze Haus, in dem vom Keller bis zum Dachboden jeder Raum ein Mini-Theater darstellt.

Das bedeutet vor allem eines: raus aus der Komfortzone. Der Besucher kann es sich nicht im dunklen Theater bequem machen und dort unsichtbar werden. Im Gegenteil, er ist so sichtbar wie noch nie. Und er ist allein mit einem Schauspieler, der einen Text und eine Geschichte hat - aber wo hört Theater auf, wo fängt Dialog an? Antwortet man auf die Fragen, die gestellt werden? Geht es nur um Fiktion oder um ehrliche Antworten? Und warum vermischen sich die fremden Erinnerungen mit eigenen?

Man verlässt das Haus aufgewühlter, als man es betreten hat. Und bleibt auch mit der drängendsten Frage wieder allein. Wohin nur mit dem donnernden Applaus, den man am Ende geben möchte?

Von Claudia Brandau

Quelle: HNA

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