Schäferin Miriam Seidlitz zieht verstoßenen Nachwuchs mit der Flasche auf

Ein Haus voller Lämmer

Sie hängen an der Flasche: Miriam Seidlitz füttert fast im Stundentakt die Lämmer, von denen viele von ihren Müttern verstoßen wurden. Foto: Yüce

Homberg/Christerode. Die Milch ist angerührt. Mit einer kurzen Handbewegung testet Miriam Seidlitz die Temperatur. „Körpertemperatur muss sie haben“, sagt sie kurz. Dann schnappt sie sich die Flaschen und geht in den Stall. 15 Lämmer warten dort bereits auf ihr Futter. Elf von ihnen sind erst wenige Tage alt. Die meisten sind sehr schwach.

Kurzclip: Lämmer werden mit der Flasche gefüttert

Eines kann kaum auf seinen Beinen stehen. Sie alle zieht die Schäferin mit der Flasche auf. Und das ist ein Job, der sie rund um die Uhr beschäftigt. Im Stundentakt werden die Lämmer gefüttert. 70 Flaschen Biestmilch pro Tag.

„Sie sind Waisen, wurden von ihren Müttern verstoßen oder sind Frühgeburten“, sagt die Schäferin. Alleine hätten die Lämmer keine Überlebenschance. „Deshalb nehme ich mich ihrer an“, erklärt sie. Rein wirtschaftlich dürfe sie diese Aufzucht nicht betrachten. „Das lohnt sich nicht. Aber so rechne ich nicht. Ich kann doch den Tieren nicht beim Sterben zusehen, deshalb versuche ich sie zu retten.“ Keine leichte Aufgabe: „Schafe sind empfindlich.“

60 Lämmer pro Jahr

Im vergangenen Jahr zog Miriam Seidlitz 60 Lämmer groß. „Manche sind so schwach, dass sie echte Pflegefälle sind. Sie brauchen viel Wärme, dann nehme ich sie mit in meine Wohnung“, sagt sie und erzählt davon, dass die Tiere dann vor dem Kamin liegen und der Boden der Wohnung mit Tapeten und Handtüchern ausgelegt ist – manchmal dürfen die ganz schwachen Tiere auch in ihr Bett. „Sie brauchen so viel Liebe und Aufmerksamkeit wie ein Säugling“, sagt die Schäferin.

Oft muss sie sich auch in der Nacht um die Tiere kümmern. Nicht nur, wenn die Lämmer nach ihrem Futter schreien, sondern auch, wenn sie Blähungen haben. „Daran können sie von jetzt auf gleich sterben.“

Große Sorgen hat sich die Schäferin in den vergangenen Tagen um Schnürli gemacht – das schwächste Lamm im Stall. „Dünn wie eine Schnur war es“, sagt Seidlitz. Doch habe das Lamm einen starken Lebenswillen gezeigt und überlebt. Nicht immer geht es so glücklich aus: „Ich weiß mittlerweile, wann nichts mehr zu retten ist“, sagt sie. Seit ihrem 16. Lebensjahr hat sie Schafe. „Wäre es nach meinen Eltern gegangen, wäre ich Lehrerin geworden“, sagt die Tochter eines Oberstudienrates. In ihrer Kindheit in der Heide habe sie viel Zeit auf Bauernhöfen verbracht und habe so ihre Leidenschaft für die Schafzucht entdeckt.

Derzeit gehören zur Schäferei Rindt über 800 Mutterschafe. Die weiden zur Zeit noch auf den Flächen des ehemaligen Homberger Bundeswehrgeländes (wir berichteten). Viele der Schafe bekommen in diesen Tagen Nachwuchs. „Zur Ruhe komme ich nicht so schnell“, sagt die Schäferin, während sie in einem Gehege drei kleine Rindsschafe auf einmal füttert und im Nachbarstall vier weitere Lämmer hungrig blöken.

Von Maja Yüce

Quelle: HNA

Kommentare