In einer Arztpraxis spielt das Warten eine zentrale Rolle – 1. Teil der Adventsserie

Heidi Klum und Krücken

Praxis-Gemeinschaft: von links Thorsten Schnorr, Susanne Schachtrupp, Gangolf Florack-Genotte und Dr. Achim Wunsch.

Gudensberg. Warten ist Schweigen, Warten ist Lesen, Warten ist Reden. In der Adventszeit, der kollektiven Wartezeit des Jahres, haben wir uns in einem Wartezimmer in Gudensberg umgeschaut.

Vier Wörter stehen auf der Glaswand, die in den Raum der Gemeinschaftspraxis Schnorr, Schachtrupp, Florack-Genotte, Wunsch führt: Entspannen, Warten, Wohfühlen, Informieren.

Die Zeit im hellen rot-weiß gestalteten Zimmer solle als kurze Phase der Entspannung dienen, um runterzukommen und sich vielleicht schon auf das Gespräch mit dem Arzt zu konzentrieren, beschreibt Dr. Achim Wunsch das Konzept.

Rot bei mehr als 30 Minuten

Auf seinem Computer sieht er für jeden Patienten, wie lange dieser schon in der Wartephase ist. Überschreitet der Wert 30 Minuten, wird das rot auf dem Bildschirm angezeigt, denn das soll möglichst nicht passieren. Es sei denn, es kommt ein Notfall dazwischen.

Warten ist Lesen, zum Beispiel für Karl-Ernst Heese aus Gudensberg, der sich in eine Zeitschrift vertieft. Das sei für ihn schon Gewohnheit, sagt er. Ansonsten: „Ich lasse alles auf mich zukommen.“

Schöner wohnen, Freizeit-Revue, Sport-Bild, Spiegel, Stern – in der Wartezeit kann man in viele Themen einsteigen. Auch in die Ehe von Model Heidi Klum: „Muss sie jetzt Angst vor dem eigenen Mann haben?“

Ottilie Koch liest auch, aber sie nutzt die Zeit auch so, wie Wunsch sich das vorstellt. Sie geht im Geist schon mal durch, was sie dem Arzt sagen will und was sie unbedingt fragen muss. Zwischendurch schaut sie auch mal auf die eigene Uhr – im Wartezimmer hängt ganz bewusst keine – weil sie am Mittag zu Hause für das Essen sorgt.

Wer in den Raum kommt, grüßt kurz. Immer wieder kommen die Patienten ins Gespräch. Oft sind Krankheiten das Thema, sagt Ottilie Koch, besonders wenn man sich beim Arzt trifft und sich lange nicht gesehen hat.

Ungeduld herrscht in diesem Wartezimmer nicht. Nur ein anderes Mal, bei einem Augenarzt, da habe sie fünf Stunden warten müssen, sagt die 80-jährige Ottilie Koch. Bis sie sich beschwerte.

Geduld ist gefragt

Viel Geduld muss Marvin Rhein aus Metze aufbringen. Der 18-Jährige hat einen komplizierten Bruch und darf sein Bein sechs Wochen lang nicht belasten. Seine Mutter muss ihn in die Schule nach Kassel fahren – die Unabhängigkeit durch den Führerschein ist dahin. „Das nervt“, sagt der Schüler und hinkt auf Krücken aus dem Wartezimmer. Warten ist manchmal eben auch Anstrengung.

Von Olaf Dellit

Quelle: HNA

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