Zeitgeschichtliches Dokument: Menschen in Istha verfassen Dorfchronik

Himmel so rot wie Blut

Ausstellungsstücke, wie diese Kartusche eines Panzergeschosses aus dem Jahre 1945, erinnern an die Kriegszeit in Istha: (v.l.) Ortsvorsteher Wolfgang Hensel, Bernd Klinkhardt, Erika Schmidt und Dieter Schrader beim Besuch des Erzählcafés im Museum. Foto: mt

Istha. Erinnerungen sind Geschichte aus erster Hand und können ein Bindeglied sein zwischen den Generationen. Dörfliche Entwicklungen, persönliche Erlebnisse und Erfahrungen sowie ein Schatz an niemals niedergeschriebenen Geschichten brauchen einen Platz, an dem sie ausgetauscht und weitergegeben werden können. Mit dem Erstellen einer Dorfchronik hat der Geschichtsverein Istha jetzt ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem jeder Bewohner Erinnerungen an einen Tag seines Lebens in Istha niederschreiben konnte. Als gebundenes Buch soll die Chronik bald die Vielfältigkeit des Lebens im Dorf widerspiegeln.

Viele ältere Isthaer Einwohner haben sich in ihren Berichten auch mit der Kriegs- und Nachkriegszeit auseinander gesetzt. Bei einem Erzählcafé im Dorfmuseum Istha ließen die Zeitzeugen ihre oft traumatischen Erfahrungen noch einmal Revue passieren. „Für uns war es eine Kinder- und Jugendzeit voller Entbehrungen und Angst“, berichtet Erika Schmidt. Die 81-Jährige erinnert sich: „Wie oft sind wir bei Fliegeralarm in den Wald geflüchtet und haben die Nächte dort verbracht.“ Selbst die Konfirmation habe die damals 14-Jährige dort feiern müssen. „Wir haben den Kuchen einfach mit in den Wald genommen.“ Man habe sich angepasst und selbst kleine Luftschutzbunker gebaut.

Es sei wie ein Befreiungsschlag gewesen, als die Amerikaner im März 1945 nach Istha kamen und die letzten Kampfhandlungen mit der sich dort verschanzten SS-Einheit ein Ende fanden. Doch auch den Anblick, als die in der Nähe gelegene Munitionsanstalt (Muna) Wolfhagen kurze Zeit später gesprengt wurde, werde sie nie vergessen. „Der Himmel war so rot wie Blut.“ Auch den Krach der Detonationen habe Erika Schmidt noch heute im Ohr. Kurz zuvor seien noch Flugblätter der Alliierten mit der Aufschrift „Muna im Walde – wir finden dich balde!“ oder „Muna im Loch – wir finden dich doch!“ verteilt worden.

„Ich gebe jedem einen dicken Geldschein, der mir so ein Exemplar bringt“, wirft Bernd Klinkhardt bei diesem Thema zwinkernd in die Runde. Der Wolfhager Autor weiß einiges über die Muna Wolfhagen zu berichten, aber trotz ausgiebiger Recherche habe er noch keines dieser Pamphlete zu Gesicht bekommen.

Gewaltige Detonationen

Das Museumscafé bot allen Anwesenden auch die Möglichkeit, Legenden mit Tatsachen abzugleichen und neue Informationen zu gewinnen. Hauptthema des Nachmittags war allerdings der Flugzeugabsturz einer zweimotorigen Lancaster in der Nacht zum 28. August 1942. Gleich mehrere Zeitzeugen erinnerten sich an die gewaltigen Detonationen, der an Bord der Maschine befindlichen Phosphorbomben. Besonders der damit verbundenen Tod dreier Dorfbewohner beschäftigte die 60 Anwesenden und wurde zum zentralen Thema der Berichte.

Von Melanie Triesch

Quelle: HNA

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