Cem Özdemir lernte bei Besuch in Fritzlar Probleme in der ländlichen Region kennen

Es ist höchste Eisenbahn

Suchten nach Lösungen: Die Teilnehmer der Grünen-Talkrunde (von links) Melanie Höse, Cem Özdemir, Martin Häusling, Dr. Bettina Hoffmann, Dr. Gerold Kreuter und Uwe Kemper diskutierten über den demografischen Wandel und seine Folgen. Foto: Yüce

Fritzlar. Er hätte keine Minute später gehen dürfen, sonst hätte der Bundesvorsitzende der Grünen am Freitagabend auf dem Bahnsteig in Wabern gestanden und der Zug wäre vermutlich direkt vor seiner Nase abgefahren.

Mit welchen Problemen die Menschen in ländlichen Regionen wie dem Schwalm-Eder-Kreis täglich zu kämpfen haben, das erfuhr Cem Özdemir bei seinem Besuch einer Talkrunde in Fritzlar hautnah.

Weil der letzte Zug für seine Anschlussverbindung am Freitagabend um 19.38 Uhr in Wabern abfuhr, musste Özdemir die Veranstaltung, bei der er der Stargast war, vorzeitig verlassen.

„Das Geld, das in Prestige-Objekte wie Stuttgart 21 fließt, fehlt in der Fläche“, so Özdemir. Nicht nur die Verbindungen, auch die Infrastruktur auf dem Land leide. Das müsse sich ändern. „Es ist gut, dass wir ein Industriestandort sind, aber unsere Stärke sind die kleinen Betriebe und der Mittelstand.“

Mitten im Thema

Und damit war er mitten im Thema: „Kleinbetriebe, Freiberufler, Handwerker und Dienstleister auf dem Land – aufgeben oder grün durchstarten“, so lautete der Titel der Veranstaltung im Hardehäuser Hof.

Daran nahmen neben Özdemir der Landwirtschafts-Experte und das Mitglied des Europäischen Parlaments für die Grünen, Martin Häusling, die Vorsitzende des Bezirksjugendausschusses Kassel der IGBCE, Melanie Höse, Dr. Gerold Kreuter von der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg, die Kreisvorsitzende der Grünen, Dr. Bettina Hoffmann, sowie Uwe Kemper, Chef der Arbeitsagentur Korbach, die auch für Schwalm-Eder zuständig ist, teil.

„Vieles ist unwiederbringlich weg“, sagte Özdemir. Eine Möglichkeit, um nicht noch mehr Anschluss zu verlieren, sei das Internet. Allerdings habe der Landkreis eine mittlere bis schlechte Anbindung an das Datennetz, sagte Hoffmann. Mindestens fünf bis acht Jahre werde es dauern, bis das nicht mehr so sei.

Sie befürchte, dass die nordhessischen Landkreise bis dahin abgehängt seien. „Wir müssen Gas geben, sonst sind die Ärzte weg“, sagte sie. Man müsse dringend versuchen, Lösungen für bessere Verbindungen zu bekommen, sagte IHK-Mann Dr. Gerold Kreuter und betonte, dass dabei auch die Politik in der Pflicht sei.

„Der Letzte macht das Licht aus.“

Mehr für sein Image müsse der Landkreis tun, wenn er für junge Menschen attraktiv sein wolle, machte Uwe Kemper deutlich. „Wir verlieren immer mehr Potenzial.“ Daher müsse man sich verstärkt um die jungen Leute kümmern, die keine reinen Einser-Kandidaten seien.

Die Quote derer, die eine Ausbildung abbrechen, sei viel zu hoch. „Hier gibt es unendlich viele Möglichkeiten, um sich zu entwickeln. Wenn aber die Jungen erst mal weg sind, kommen sie nicht wieder.“

Wie wichtig betriebliche Förderung ist, machte Melanie Höse deutlich: „Man darf uns nicht in ein befristetes Arbeitsverhältnis nach dem anderen stecken, man muss uns Perspektiven aufzeigen, damit wir hier Wurzeln schlagen können.“ Dabei müsse man auch auf individuelle Förderung setzen.

Spätestens da wurde deutlich, dass es viele Faktoren sind, die zusammenspielen und für die Lösungen her müssen – damit das Leben auf dem Land wieder attraktiver wird. „Sonst heißt es irgendwann, der Letzte macht das Licht aus“, so Häusling. Die anschließende Diskussion über die Situation für die Betriebsnachfolge auf dem Land bekam Özdemir nicht mehr mit – er musste den letzten Zug erreichen.  Artikel rechts

Quelle: HNA

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