JVA Ziegenhain: Ein Gefangener erzählt von seinem Verbrechen, Flucht und Zukunft

Hoffnung auf die Freiheit

Seit 15 Jahren ist die Zelle das Zuhause: Berndt Künneth sitzt in der JVA Schwalmstadt seine langjährige Haftstrafe wegen illegalen Waffenbesitzes, Raub und Mord ab. Foto: Lammel

Schwalmstadt. Vor 22 Jahren hat Berndt Künneth einen Menschen hingerichtet, seitdem bewegt sich der ehemalige Polizist nur selten jenseits von Gefängnismauern: Zu Besuchen bei der Familie, zum Tischtennis spielen und während eines Ausbruchs aus einem Gefängnis in Butzbach. Dieser brachte ihn in die JVA Schwalmstadt.

Seit 15 Jahren sitzt der 54-Jährige dort in Zelle 119 des Erweiterungsbaus, verurteilt wegen illegalen Waffenbesitzes, Raub und Mord. Jeden Morgen freut er sich in seiner Zelle auf den Umschluss zur Arbeit. „Wenn du nichts zu tun hast, wirst du verrückt“, erklärt er im Gespräch mit der HNA. Künneth kümmert sich seit vielen Jahren als Sporthausarbeiter um die Sporthalle und den Kraftraum, pflegt die Geräte und macht sauber, auch am Wochenende. Früher hat er Uhren repariert. „Das ist doch besser, als in der Zelle zu hocken.“

Künneth ist außerdem Vorsitzender des Tischtennisvereins der Gefangenen, dessen zwei Mannschaften in der Bezirksklasse und der Kreisliga antreten. Manchmal dürfen ausgewählte Häftlinge an Turnieren teilnehmen, außerhalb der Gefängnismauern. „Im Januar war ich bei einem großen Hallenturnier, das war ein tolles Erlebnis.“ Sport sei für die Häftlinge sehr wichtig, um Aggressionen abzubauen und sich abzulenken. Raus aus dem Alltag, das Leben draußen nicht aus den Augen verlieren.

Durch das Fenster seiner Zelle sieht Künneth nur einen Wachturm, Stacheldraht und den Eingang zur Sporthalle. In der Zelle hängt ein Poster einer halbnackten Frau an der Wand, daneben seine Arbeitskleidung und sein Kalender. Vom Geld für seine Arbeit hat sich Künneth einen Fernseher gekauft, später eine Spielkonsole. „Ab und zu spiele ich Autorennen.“ Echte Freundschaften zu Mithäftlingen gebe es nicht. „Ich hatte mal so etwas wie einen Freund hier, aber der ist nach mir gekommen und vor mir gegangen.“

Durch schlechten Umgang sei der ehemalige Polizist Ende der 1980er- Jahre auf die schiefe Bahn geraten, die Polizeilaufbahn habe damit geendet. „Ich versuchte dann, mich als Lagerist und Fernfahrer Künneths Ehe kriselte, er ging eine Affäre ein, schwängerte seine Geliebte.

„Ihr Exfreund wollte sie aber nicht aufgeben, er rief immer wieder an, bedrohte und beleidigte sie.“ Dann habe der Ex seine damalige Geliebte missbraucht. Ein folgender Streit zwischen den Männern eskalierte, Künneth zog seine Waffe und erschoss den Exfreund.

„Das war der Anfang vom Untergang“, sagt Künneth heute. 15 Jahre plus Sicherungsverwahrung sowie lebenslang mit besonderer Schwere der Schuld lautet das Urteil. Er habe gestanden und sich der Strafe gestellt. „Bis nach sieben Jahren Haft im Gefängnis in Butzbach in kurzer Folge meine Mutter starb und die Mutter meiner Tochter nicht mehr zu Besuch kommen wollte. Alles, was mir Hoffnung gab, schien auseinanderzubrechen, also wollte ich meine Familie sehen“, erklärt Künneth.

„Ich bin über die Mauer und habe mir einen Leih-Lkw genommen.“

Berndt Künneth

„Ich bin über die Mauer und habe mir einen Leih-Lkw genommen“, sagt er salopp. Am Stacheldraht der Gefängnismauer zerriss er sich die linke Hand, dann kaperte er einen Lastwagen, der am Tor der Anstalt stand, seinen „Leih-Lkw“. Einige Tage konnte er sich verstecken, bis er verhaftet und in die Schwalmstädter Strafanstalt gebracht wurde. Seine Familie hat er in dieser Zeit nicht getroffen.

Seitdem endet jeder Tag für Berndt Künneth mit dem Einschluss. Eine von vielen Türen ohne Klinke schließt sich dann zwischen ihm und der Freiheit. „Das ist eben der Preis“, sagt er.

• Bei diesem Text handelt es sich um die gekürzte Fassung eines Porträts, das HNA-Volontär Sebastian Lammel während eines Seminars der Akademie für Publizistik in Hamburg verfasst hat.

Von Sebastian Lammel

Quelle: HNA

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