Zeithistoriker Wolfgang Koller stellt das Archiv von B. Braun vor

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Digitaler Archivar: Wolfgang Koller betreut seit zwei Jahren das Archiv von B. Braun und arbeitet die Vergangenheit des Unternehmens für Mitarbeiter und Öffentlichkeit am Computer auf. In seinen Händen eine von mehreren erhaltenen Schachteln mit dem historischen Nähmaterial „Katgut“.

Melsungen. Wolfgang Koller ist Historiker in einem Technologiekonzern, ein Archivar mit mobilem Computerarbeitsplatz. Er ist Projektmanager für das Unternehmensarchiv von B. Braun - bei ihm laufen die Fäden aus über 170 Jahren Unternehmensgeschichte zusammen.

Seit zwei Jahren ist der Zeithistoriker, der in Berlin Geschichte studiert hat, Herr über tausende Fotos und Filmaufnahmen. Digital, auf Videokassetten und Filmrollen. 800 Produkte des nordhessischen Weltmarktführers werden im Archiv bewahrt, viele davon im Keller der Unternehmenskommunikation am Werk D, zu der das Archiv gehört.

Helle Büros

„Meine Arbeit entspricht aber kaum dem staubigen Bild eines Archivars“, erklärt Koller. Einen Großteil seiner Aufgaben erledigt der gebürtige Burghausener per Computer und Telefon - in hellen Büros, nicht in finsteren Lagerräumen. Er sammelt und katalogisiert nicht nur, er macht die Unternehmensgeschichte den Mitarbeitern und der Öffentlichkeit zugänglich.

Wie das Unternehmen selbst, wächst das Archiv stetig weiter. Koller entscheidet über die historische Relevanz der Zeitzeugnisse und bestimmt, was in der Sammlung bewahrt, und was entsorgt werden soll. „Strategische Entscheidungen, wichtige Kennzahlen wie die Zahl der Mitarbeiter oder der Umsätze sowie Vorstandsprotokolle und dergleichen werden natürlich erhalten.“ Ansonsten bewertet der Historiker die in Frage kommenden Dokumente anhand ihrer Perspektive: Ist der Inhalt in 20, 50 oder 100 Jahren interessant? „Es kann erst alt werden, was einmal bei mir gelandet ist.“

Darunter auch Stücke mit einer besonderen Geschichte, wie eine Registrierkasse von 1905. Diese war vor langer Zeit aus dem Bestand verkauft und Jahre später auf einem Dachboden wiederentdeckt worden.

Digitale Verarbeitung

Einmal im Archiv, werden die Erinnerungsstücke modern verarbeitet. So kann Koller von jedem der mobilen Arbeitsplätze bei B. Braun auf digitale Kopien historischer Dokumente zugreifen. Nur wenige Mausklicks sind nötig, um etwa einen 1931 auf 35 Millimeter Kleinbildfilm gedrehten Beitrag über die Produktion von Katgut-Fäden auf dem Computer abzuspielen.

Mehrere Schachteln dieser chirurgischen Fäden aus Hammeldarm, deren Herstellung für Carl Braun 1908 den Schritt in die industrielle Fertigung bedeutete, sind im Unternehmensarchiv erhalten.

Wie die Erfolgsgeschichte des als „Steril-Katgut Kuhn-Braun“ etablierten Produkts im Speisewagen eines Zuges begann, lesen Sie im Auftakt der neuen HNA-Serie, in der Wolfgang Koller und weitere Mitarbeiter B. Brauns historische Produkte und deren Bedeutung für das Unternehmen erklären.

Ein Produkt und seine Geschichte

Im Jahr 1908 reist Carl Braun, der die Firma seines Vaters acht Jahre zuvor übernommen hatte, zu einem Ärzte- und Naturforscherkongress nach Köln. Er ist auf der Suche nach Innovationen, die der 1867 eingetragenen Firma B. Braun das wirtschaftliche Überleben erleichtern sollen. Doch der Kongress verläuft enttäuschend, Braun macht sich ohne neue Erkenntnisse auf den Rückweg.

Erst im Speisewagen des Zuges trifft er den Kasseler Chirurgen Dr. Franz Kuhn, Chefarzt des St.-Elisabeth-Krankenhauses. Dieser brennt für die Idee, steriles Katgut, also chirurgisches Nähmaterial aus Tierdarm herzustellen.

Bereits in der Antike wurden Darm-Saiten zur Herstellung chirurgischer Fäden verwandt. Ein Vorteil der Fäden: Der menschliche Körper kann das Material abbauen, die Fäden müssen daher nicht gezogen werden. In den Anfängen der modernen Medizin des 19. Jahrhunderts herrschte jedoch große Skepsis gegenüber dem tierischen Material zum Vernähen von Wunden: Die Fäden galten als nicht sterilisierbar, der Einsatz in der Chirurgie schien zu riskant.

Kuhn jedoch hatte sich intensiv mit dem Problem befasst und einige Regeln für die sterile Produktion von Katgut entwickelt: Statt Abfallprodukte wollte Kuhn besten Rohdarm als Rohstoff verwenden. Dieser sollte schon im Schlachthaus gereinigt werden und somit steril vom Hammel kommen.

Um die für die Katgut-Herstellung relevante Darmschicht zu gewinnen, sollte der sterile Darm entschleimt und gespalten werden. Die gewonnen Fäden sollten in ein Sterilisierbad gelegt und dort zum Faden gedreht werden. Damit wollte Kuhn verhindern, dass Schmutz in das Innere des Fadens gedreht wurde. Erfolgreiche Versuche, steriles Katgut zu produzieren, konnte Kuhn bereits vorweisen.

Carl Brauns Interesse war geweckt, wenngleich er sich wunderte, warum noch kein anderer Unternehmer an dem Verfahren interessiert war. Er entschloss sich dennoch zur Produktion und gründete die „Abteilung C“ zur Fabrikation von Katgut.

Damit gelang ihm der Schritt von der Manufaktur zur Fabrik - nun zählten nicht nur Apothekengroßhändler, sondern auch Krankenhäuser und Ärzte zu den Kunden der Firma.

Katgut wurde jahrzehntelang in Spangenberg sowie in Spanien hergestellt. Im April 1971 führte B. Braun dann den Katgut- Nachfolger Dexon ein, ein synthetisches Nahtmaterial auf Basis von Polyglykolsäure, das innerhalb von 25 Tagen vom Körper absorbiert werden kann. 2004 wurde die Herstellung von Katgut aus Hammel- oder Rinderdarm vollständig eingestellt. (sal)

Von Sebastian Lammel

Quelle: HNA

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