Nadine Schomburg macht auf schwierige Situation vieler Selbstständiger aufmerksam

Besitzerin von Schreibwarenladen in Wolfhagen: „Ich habe nichts zu verlieren“

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Sie will ein Zeichen setzen: Nadine Schomburg ließ ihren Schreibwarenladen am Mittwoch zu und machte auf die schwierige Situation vieler Selbstständiger aufmerksam.

Wolfhagen. „Wenn kein Wunder geschieht“, sagt Nadine Schomburg, „ist der Laden spätestens Ende des Jahres dicht.“ Dabei ist der Laden ihre Herzensangelegenheit.

Im Haus der Großeltern, Burgstraße 31, in Wolfhagen, betreibt sie mit ihrem Lebensgefährten Thomas Bölke seit Anfang 2011 einen Schreibwarenladen. Es ist eine Arbeit, die sie mögen, aber die am Ende des Monats zu wenig abwirft. Sie leben vom Arbeitslosengeld II. Der Laden deckt gerade einmal die eigenen Kosten.

So wie Schomburg und Bölke geht es vielen Menschen. Sie sind selbstständig, verdienen aber zu wenig. Um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, streikte das Paar am Mittwoch. Der Laden blieb zu. Statt Schreibwaren gab es Diskussionen.

Die 35-Jährige ist gelernte Gärtnerin und studierte Umweltwissenschaftlerin. Im Studium jobbt sie, um über die Runden zu kommen. Nach ihrem Abschluss an der Uni Lüneburg im Jahr 2009 bewirbt sie sich bundesweit – erfolglos. Sie führt die Arbeit der Familie weiter, übernimmt den Laden, zieht nach Wolfhagen. Sie verändert das Sortiment und setzt auf ökologische Produkte. Sie will mit Lesungen und Ausstellungen mehr bieten. Ideen gibt es viele, doch die auf die Beine zu stellen, ist schwierig. „Wenn man am Existenzminimum lebt, ist man müde. Wenn man zehn Stunden am Tag arbeitet, ist es schwer, abends noch etwas zu organisieren.“

Die finanzielle Situation ist vom ersten Tag an angespannt. Schomburg spricht von einem „grauenvollen Niveau.“ Die Resonanz sei überschaubar, es gebe wenig Laufkundschaft, zudem seien die Supermärkte eine große Konkurrenz.

Das Schicksal der 35-Jährigen ist die eine Seite, die gesellschaftlichen Probleme die andere. Weil viele Berufstätige keine Chance auf einen fair bezahlten Arbeitsplatz hätten, würden sie in die Selbstständigkeit gezwungen. „Bald gibt es in jedem Beruf Selbstständige“, fürchtet Schomburg. Dabei sei Armut immer noch ein peinliches Thema. „Viele schämen sich für ihre Situation, obwohl sie nichts dafür können“, sagt sie. Schomburg bringt den Mut auf, ihre Armut öffentlich zu machen. Die Reaktionen bestätigen sie. „Viele fanden es mutig, viele kannten aber auch Leute, die in ähnlichen Situationen stecken“, erklärt die Umweltwissenschaftlerin. Ihr ist egal, was die Leute denken. „Ich habe eh nichts zu verlieren.“

Von Anke Laumann

Quelle: HNA

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