Pfarrer Jens Holstein ist für die Patienten in der Vitos Merxhausen der gute Hirte

„Ich bin nicht Robin Hood“

Immer für seine „Schäfchen“ da: Klinikpfarrer Jens Holstein möchte den Menschen mit seiner Arbeit Hilfe zur Selbsthilfe geben. Foto: Ricken

Merxhausen. „Nimm Deine blöde Geige und verschwinde“, giftet ihn die Patientin an. Gelassen packt Klinikseelsorger Jens Holstein seine Gitarre ein und macht der Frau geduldig am nächsten Tag ein neues Gesprächsangebot.

Geduld und Gelassenheit gehören für den Klinikpfarrer zu den Eigenschaften des guten Hirten. Und Demut, findet der 52-Jährige: „Ich gehöre nur zum himmlischen Bodenpersonal.“ Wenn man im Bild des Hirten bleibt, der sich um seine Schafe kümmert, wären da noch Fürsorglichkeit aber auch Hilfe zur Selbsthilfe. Schließlich muss das Schaf den Grashalm selbst fressen.

Kein leichter Job

Die „Herde“, um die sich der Merxhäuser Klinikpfarrer kümmert, reicht vom drogensüchtig und straffällig gewordenen Jugendlichen bis zur dementen Seniorin. Kein leichter Job aber einer mit vielen Freiheiten: „Ich muss nichts abrechnen und bin kein Therapeut.“ In seiner Arbeit mit behinderten und seelisch kranken Menschen gebe es für ihn viele schöne und anrührende Momente. Vor allem wenn er das wachsende Vertrauensverhältnis zu seinen Schützlingen spürt.

„Viele leben hier ohne Familienbezüge, weil die Krankheit soziale Bindungen zerstört hat.“ Auch die Patienten in der Forensik würden es einfach nur genießen, wenn ihnen jemand zuhört. „Dabei spreche ich durchaus auch Probleme an“, sagt Holstein. Man müsse jedoch der Versuchung widerstehen, sich für den Retter zu halten. „Ich bin weder Robin Hood noch Jesus“, sagt Holstein. Letzteren bringt der Klinikpfarrer gern mit ein, wenn er weiß, dass Patienten einen religiösen Bezug haben. Doch nicht nur hier: Jens Holstein gestaltet unter anderem die Sonntags-Gottesdienste in der Klosterkirche, bietet Andachten auf den Stationen und in der Forensik an und ist auch für Trauungen und Taufen von Mitarbeitern und Gemeindemitgliedern zuständig. Er kümmert sich um Öffentlichkeitsarbeit und leitet eine Gruppe für Angehörige von Demenzkranken. Eine enge Zusammenarbeit findet mit der Kirchengemeinde Merxhausen statt.

Wichtig ist für den Pfarrer, der in der Stadt Fritzlar lebt, die Abgrenzung zu seiner Arbeit nach Feierabend. Das gelingt ihm am besten mit viel Sport, Reisen und Lesen. Und gibt ihm Kraft, am nächsten Tag wieder für Begegnungen aller Art gewappnet zu sein. Mit der giftigen Patientin hat er letztens gemeinsam ein Liedchen geträllert, natürlich mit Geigen-, nein Gitarrenbegleitung.

Von Bea Ricken

Quelle: HNA

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