100 Jahre 1.Weltkrieg:Auch Schwälmer Soldaten beschreiben das Drama in Belgien

Inferno im Königreich

Deutsche Feldpostkarte: Die belgische Stadt Löwen wurde geplündert und brannte drei Tage lang. Repro: HNA

Am 30. Dezember 1914 schrieb Heinrich Kuhl aus Frankreich an seine Schwester Anna Katharina: „Denke dir, liebe Schwester, Christerode läge voll französisches Militär, das halbe Dorf wäre schon ein Trümmerhaufen und du hättest keine Nacht ruhig schlafen können, weil zu jeder Zeit und Stunde die 21-Zentimeter-Granaten angekommen wären und nach jeder Beschießung hätten sich Leichenzüge zum Friedhof bewegt…“

Solch ein Perspektivwechsel macht deutlich, dass der Erste Weltkrieg fast gar nicht deutsches Reichsgebiet betroffen hatte, sondern außerhalb seiner Grenzen stattfand. Besonders zu leiden hatte das kleine Königreich Belgien.

Am 20. August marschierten die Deutschen in Brüssel ein, Antwerpen kapitulierte am 10. Oktober. 30 000 Soldaten gerieten in Gefangenschaft und wurden nach Deutschland verbracht. Manche landen auch in der Schwalm.

Am 25. August abends beschossen sich versehentlich zwei deutsche Kompanien in der Nähe des Mechelner Tores in Löwen. Belgische Zivilisten wurden für diese Schießerei verantwortlich gemacht. Die Stadt wurde geplündert und brannte drei Nächte und drei Tage. Die weltberühmte Bibliothek der Universität wurde ebenfalls in Brand gesteckt. Zehntausende Bücher, darunter 800 aus der Frühzeit des Buchdrucks vor 1500 wurden vernichtet. Anfang November 1914 kamen die Frontlinien zum Stillstand.

Es folgte ein vierjähriger Grabenkrieg. Die Deutschen organisierten die Besatzung des Landes. 1915 errichteten sie einen elektrisch geladenen Zaun an der Grenze zu den Niederlanden, vor allem um junge Männer an der Flucht und den Eintritt in die alliierten Verbände zu hindern. Für die deutschen Truppen sind das belgische Hinterland und die Küste ein Rückzugsgebiet, um dem Inferno für kurze Zeit zu entrinnen.

Die Hinrichtung der britischen Krankenschwester Edith Cavell und anderer am 12. Oktober 1915, die beschuldigt waren, alliierte Kriegsgefangene nach Holland geschleust zu haben, löste weltweite Entrüstung aus und trug zusammen mit dem brutalen Vorgehen in Belgien dazu bei, die Deutschen als Hunnen, unzivilisierte Barbaren und Kulturschänder zu brandmarken. In vielen Gemeinden entstehen Soldatenheime, die kulturelle Angebote machen. Belgier im Widerstand werden hart bestraft: Deportation in ein deutsches Arbeitslager oder Erschießen.

Lehrer Katzwinkel notierte in der Frankenhainer Schulchronik: „Im Juni 1915 wurden in der Neuen Mühle zwischen Frankenhain und Treysa acht gefangene Franzosen und zwei Belgier einquartiert. In wenigen Wochen ebneten die Südländer das hügelige Terrain, dem Herrn Neeb gehörig, vollständig, so dass aus dem mit Heidekraut bestandenen Boden jetzt eine Fläche Ackerland von zweieinhalb Morgen Größe geworden ist…

Da Herr Schneidermeister B. Schmidt hierselbst Kleidung für das Heer zu liefern hat, so ist ihm zur Unterstützung von der Militärverwaltung ein gefangener Belgier namens Marselle aus Werwiek (ein Schneider) zur Verfügung gestellt worden.“

Von Bernd Lindenthal

Quelle: HNA

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