Schandflecke dürfen abgerissen werden

Pro Jahr gibt es im Landkreis Kassel 30 neue Schrottimmobilien

Eingestürzt: Das Dach dieses ehemaligen Bauernhauses an der Ecke Kurfürstenstraße / Friedensstraße in Wolfhagen ist nach unten weggebrochen. Die Eigentümer haben das Gelände mit Bauzäunen gesichert. Foto: Thon

Wolfhager Land. Häuser, die leer stehen und vor sich hin gammeln, werden für den Landkreis Kassel zunehmend zum Problem. Besonders in den ländlich geprägten Regionen.

Seit dem Jahr 2009 musste die Bauaufsicht der Kreisverwaltung bei mehr als 200 Gebäuden aktiv werden, deren baulicher Zustand eine Gefährdung für die Allgemeinheit darstellte. „Pro Jahr bekommen wir zwischen 25 und 30 neue Fälle gemeldet“, verweist Bauaufsichtsleiter Gottfried Henkelmann auf die Dynamik des Verfalls.

Die Problemregionen liegen weit abseits der Stadt Kassel, in den ländlich geprägten Gemeinden im Wolfhager Land und im Altkreis Hofgeismar. Die Mängelliste an den Häusern ist lang. Sie reicht von herabfallenden Ziegeln, bröckelnden Schornsteinen, herunterhängenden Dachrinnen bis hin zur Einsturzgefahr. Bei einer öffentlichen Gefährdung klärt die Bauaufsicht die Eigentümerfrage. Das allerdings sei nicht leicht, sagt Henkelmann. Oftmals müssten die Erben über das Gericht ausfindig gemacht werden. Auf Briefe der Bauaufsicht reagiere ein Großteil nicht. „Die Tendenz ist klar: Die Leute kümmern sich nicht um ihr Eigentum“, schildert Henkelmann seine Erfahrung.

Der Gesetzgeber hat das Problem mit dem baulichen Verfall auf dem Land erkannt. Seit 2013 haben die Kommunen die Möglichkeit, Schrott-immobilien abreißen zu lassen. Die Kosten dafür dürften sie teilweise auf die Eigentümer umlegen, meint Henkelmann. So solle den Städten und Gemeinden ein Instrument an die Hand gegeben werden, das geeignet ist, die Entwicklung in den Orten voranzutreiben und Schandflecke zu beseitigen, sagt Harald Kühlborn, Sprecher der Kreisverwaltung. Doch von der Änderung im Baugesetzbuch haben die Kommunen mit einer Ausnahme in Immenhausen, wo Teile der Glashütte weggerissen wurden, bislang keinen Gebrauch gemacht. Noch scheuen sie vor Abrissen zurück.

In Paragraf 179 des Baugesetzbuches ist geregelt, dass Kommunen Hausbesitzer zum Abriss eines Gebäudes verpflichten können. Die Kosten hat der Eigentümer zu tragen. Bis September 2013 galt dieses Rückbaugebot nur für Bereiche mit Bebauungsplan. Das hat sich inzwischen geändert.

Doch bei den Kommunen scheint sich diese Möglichkeit noch nicht herumgesprochen zu haben. Bei HNA-Nachfrage in vier Rathäusern im Wolfhager Land reagierten Mitarbeiter der Bauämter überrascht auf die Option, Schandflecke, die eine Gefahr im öffentlichen Raum darstellen und um die sich Eigentümer nicht kümmern, einfach abreißen zu dürfen.

Quelle: HNA

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