Anneliese Peter aus Wasenberg begann mit 10 Jahren als Kindermädchen im Jägerheim

60 Jahre für die Gäste

Zehn Gläser auf dem Tablett sind noch immer kein Problem: Anneliese Peter (70) beim Eindecken des Saales im Wasenberger Jägerheim. Foto: Ludwig

Willingshausen. Während Deutschland noch über die Rente mit 67 diskutiert, lebt in Wasenberg eine Frau, die fast so lange arbeitet, wie sie auf der Welt ist: Anneliese Peter. Die 70-Jährige hat vor 60 Jahren im Wasenberger Gasthaus Jägerheim als Kindermädchen angefangen, wo sie bis heute als Bedienung beschäftigt ist. Für ihre Arbeitsleistung wurde sie jetzt vom Kreisvorsitzenden des Hotel- und Gaststättenverbandes, Georg Rockensüß, ausgezeichnet.

Der Schreck jedes Gewerkschafters, der vor zu langer Lebensarbeitszeit warnt, hat grau-lockige Haare und ein spitzbübisches Lächeln. Wenn Peter auf ihre Jahre im Dienst der Gastronomen-Familie Kaltschnee, früher Heinmöller, zurückblickt, ist nichts von Entbehrungen und Strapazen zu hören. Stattdessen von Familiengefühl und Freude an den Aufgaben.

Große Bescheidenheit

Dass die 1940 als Anneliese Langer im Sudetenland geborene Frau die Arbeit immer dort erledigte, wo sie anfiel, hat auch mit ihrer Bescheidenheit zu tun. „Machen Sie’s bloß nicht zu groß“: Mit diesen mahnenden Worten begrüßte und verabschiedete Anneliese Peter den Autor dieses Textes bei seinem Besuch in Wasenberg. Am liebsten wäre es der Seniorin, wenn von ihrer rekordverdächtigen Arbeitsleistung niemand etwas erführe.

Dafür ist ihre Geschichte aber zu spannend: Als Fünfjährige flüchtete Peter mit ihrer Mutter aus dem Gebiet im heutigen Tschechien. Ihr Zug hielt in Treysa. „Es war Zufall, dass wir hier landeten“, sagt Peter.

Ihre Mutter fand auf einem Wasenberger Hof Arbeit. Und die kleine Anneliese entdeckte rasch den benachbarten Hof der Heinmöllers, der wenige Jahre später ihr zweites Zuhause werden sollte. Schon damals gab es auf dem Hof, dessen Gasthaus seit 160 Jahren besteht, viel zu tun. Weil die Landwirtschaft noch erstes Standbein war, brauchten die Heinmöllers jede nützliche Hand. Und so kam es, dass das Mädchen aus dem Sudetenland die Töchter der Heinmöllers hütete. Zunächst stand sie dabei noch unter dem prüfenden Blick von Oma Heinmöller: „Die Oma saß am Fenster und hat mich im Auge behalten, wenn ich mit dem Kinderwagen losfuhr. Am Anfang durfte ich nur bis zur Kirche und zurück – bis dahin konnte sie mich sehen.“, erinnert sich Peter.

Nach der Volksschule in Wasenberg wollte sie eigentlich Friseurin werden. Dann aber arbeitete sie weiter bei Heinmöllers: Morgens im Stall und auf dem Feld, abends in der Gaststube. Bei der Arbeit, wie sollte es anders sein, lernte sie ihren Mann kennen: einen Cousin der Heinmöllers, mit dem sie zwei Kinder bekam.

Auch wenn sie sich an Getränke-Moden wie Kiba (Kirschbananensaft) stets neu gewöhnen muss („Früher hieß es: Zwei Korn. Das wusste man, was gefragt war“), will sie noch so lange im Gasthaus arbeiten, wie die Gesundheit mitspielt.

Soviel Arbeitseinsatz löst bei ihrem Mann gelegentlich ein Grummeln aus: Etwa dann, wenn Anneliese Peter sagt „Bei uns“ und damit das Gasthaus meint. Ihr Mann fragt dann: „Wo bist du denn daheim?“ Wer sie kennt, weiß die Antwort: Im Jägerheim.

Von Bastian Ludwig

Quelle: HNA

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