30 Jahre Jugendwerkstatt Felsberg: Geschäftsführerin spricht über die Zukunft

Blick zurück: Angelika Horstkotte-Pausch vor einer Fotowand für die Ausstellung zum 30-jährigen Bestehen der Jugendwerkstatt. Foto: Féaux de Lacroix

Felsberg. Die Jugendwerkstatt Felsberg feiert ihr 30-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass sprachen wir mit der Geschäftsführerin Angelika Horstkotte-Pausch über die Zukunft der Einrichtung.

Die Jugendwerkstatt hilft benachteiligten Jugendlichen, sich auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Wäre es wünschenswert, dass man eine solche Einrichtung nicht mehr braucht?

Angelika Horstkotte-Pausch: Natürlich sollte das eigentlich unser Ziel sein. Man müsste mit der Förderung viel früher anfangen - schon im Kindergarten. Wenn die Jugendlichen mit 16, 17 Jahren zu uns kommen, haben sie oft schon viele schlechte Erfahrungen gemacht, die man ihnen lieber ersparen würde.

Ist es denn realistisch, dass die Jugendwerkstatt bald nicht mehr gebraucht wird?

Horstkotte-Pausch: Nein. Es passiert zwar schon einiges - das sieht man an der Diskussion über Kita-Plätze und Ganztagsschulen - aber eben noch nicht genug. Es müsste in diesem Bereich viel mehr Geld investiert werden, zum Beispiel für Frühförderung und für Sozialpädagogen an Schulen. Aber Bildung spielt in diesem Land einfach noch nicht die Rolle, die sie spielen müsste. Darum gibt es trotz Azubi-Mangel sehr viele Jugendliche ohne Ausbildungsplatz. Und in der Jugendwerkstatt gibt es nach wie vor eine große Nachfrage nach Plätzen.

Auch die Jugendwerkstatt braucht Geld - wie steht es mit der finanziellen Unterstützung?

Horstkotte-Pausch: In den letzten zehn Jahren wird es immer schwieriger. Es hat sich ein ruinöser Wettbewerb um Fördergeld entwickelt. Für jedes Projekt müssen wir ein Konzept mit Kostenkalkulation vorlegen - und leider erhalten oft die preiswerten Projekte den Zuschlag. Aber mit sinkenden Preisen sinkt eben auch die Qualität. Da gehen wir nicht um jeden Preis mit.

Woran liegt es, dass für solche Projekte nicht mehr so viel Geld ausgegeben wird?

Horstkotte-Pausch: Viele Politiker und die Bundesagentur für Arbeit halten das Problem der benachteiligten Jugendlichen durch die demografische Entwicklung für erledigt: Die Unternehmen klagen über Fachkräftemangel, es gibt viele freie Stellen. Deshalb wird angenommen, dass die Betriebe auch schwächere Bewerber einstellen werden und alle Jugendlichen unterkommen.

Sehen Sie das auch so?

Horstkotte-Pausch: Tatsächlich stellen manche Firmen inzwischen auch mal einen schwächeren Schüler als Auszubildenden ein. Aber ob das ohne Unterstützung beim Lernen gutgeht, ist fraglich. Ein Unternehmen kann keinen Berufsschulunterricht nacharbeiten und keine Erziehungsarbeit leisten: Es erwartet, dass ein Azubi pünktlich und motiviert ist. Das kann aber nicht bei allen Schulabgängern vorausgesetzt werden. Unabhängig von der Zahl der freien Ausbildungsstellen existieren Jugendliche mit Förderbedarf. 300 000 sind das bundesweit in etwa. Sie im Regen stehen zu lassen, ist die falsche Politik.

Was motiviert Sie und all die Mitarbeiter der Jugendwerkstatt, trotz der finanziellen Hürden weiterzumachen?

Horstkotte-Pausch: Die Erfolgserlebnisse, die wir immer wieder mit den Jugendlichen haben. Wir sind glücklich über jeden, der es schafft, sein Leben auf einen eigenständigen, guten Weg zu lenken.

Sie haben fast von Anfang an in der Jugendwerkstatt gearbeitet. Was war für Sie persönlich das schönste Erlebnis in den vergangenen 30 Jahren?

Horstkotte-Pausch: Der Höhepunkt für mich war, als wir 1990 unser neues Gebäude eingeweiht haben. Es war das erste gewerblich genutzte Niedrigenergiehaus Hessens. Zum Eröffnungsfest hatten wir den bekannten Zukunftsforscher Robert Jungk als Referenten gewinnen können. Tausende Besucher kamen.

Jetzt steht wieder ein Fest an. Was wünschen Sie der Jugendwerkstatt zum Geburtstag?

Horstkotte-Pausch: Dass sie so lebendig, bunt, innovativ und mutig bleibt, wie sie ist.

Von Judith Féaux de Lacroix

Quelle: HNA

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