63 Jahre als Organist: Jetzt hört Walter Hollstein auf

Spielt nur noch zuhause Orgel: Walter Hollstein aus Vockerode war 63 Jahre lang Organist in der Kirchengemeinde und in den umliegenden Dörfern. Foto: Feser

Vockerode/Dinkelberg. 63 Jahre lang war Walter Hollstein Organist. Jetzt musste er aufhören - schweren Herzens.

Jetzt hat er wieder Sonntagvormittage. 63 Jahre lang war das anders: Walter Hollstein packte jeden Morgen seine Noten in die schwarze Aktentasche, zog einen Anzug an und machte sich auf in die Kirchen. Denn seit 1951 war Walter Hollstein Organist in Vockerode-Dinkelberg.1963 kamen noch Weidelbach und Bischofferode hinzu, seit Mitte der 1980er Pfieffe.

„Wenn Sie nicht die richtige Einstellung dazu haben, können Sie das nicht machen“, sagt der heute 80-Jährige. Das Orgelspielen ging immer vor: Er spielte auch auf Beerdigungen, Hochzeiten, Konfirmationen, oft auch in entfernten Gemeinden bei Hessisch Lichtenau.

Die Liebe zur Musik liegt in der Familie, denn auch sein Patenonkel war Organist, seine Mutter sang gerne und viel, zuhause stand ein Klavier. Nach der Realschule in Spangenberg bekam er von Frau Drescher in Spangenberg einmal pro Woche Klavierunterricht, Fräulein Guntermann gab ihm später Orgelunterricht in der Spangenberger Stadtkirche.

Als er gerade konfirmiert war, wurde Walter Hollstein von Pfarrer Pahlmann gebeten, das Amt des Organisten im Dorf zu übernehmen. Seit er 16 war, saß er also jeden Sonntag oben an der Orgel und gab der Gemeinde den Ton an. Damals waren die Gottesdienste sehr gut besucht.

Mittlerweile ist das anders: Der Organist hat schon so manchen Gottesdienst erlebt, wo er und der Pfarrer die Kirchentür wieder zuschließen mussten, weil kein Besucher zum Gottesdienst gekommen war. „Ich hätte nicht geglaubt, dass ich so etwas mal erlebe“, sagt Hollstein im Rückblick.

Dass er 63 Jahre lang an der Orgel saß, war nur mit einer verständnisvolle Frau an seiner Seite möglich. Nach der Heirat mit Elfriede bewirtschaftete das Ehepaar Hollstein ihren elterlichen Hof in Vockerode, hatte 25 Hektar Land, 150 Schweine, 70 Rinder. Es war damals einer der größten Höfe im Dorf.

Und jeden Sonntag, nachdem das Vieh versorgt war, stieg Hollstein auf sein Motorrad und brauste zum Gottesdienst, später dann mit seinem beigen Ford M 17. Walter Hollsteins Töchter Beate und Thea wurden damit groß, dass ihr Vater, der auch 23 Jahre lang Ortsvorsteher war, selten zuhause war.

Das war nicht immer leicht, schließlich war Walter Hollstein auch an Weihnachten oft unterwegs. Er musste 13 Mal „O du fröhliche“ spielen: am Heiligabend, am ersten Weihnachtstag und am Zweiten Weihnachtstag, denn früher gab es an Weihnachten in allen kleinen Orten drei Gottesdienste über Weihnachten. Und auf Walter Hollstein war immer Verlass.

Dann plötzlich musste nach 63 Jahren Schluss sein - die Gesundheit lässt den Gang zu seinen Orgeln auf den Kirchenemporen nicht mehr zu. Während der Gottesdienste sitzt er nun also unten, im Kirchenschiff. Ein komisches Gefühl. „Denn das Orgelspielen gehört doch nach 63 Jahren einfach dazu“, sagt Walter Hollstein. Und fügt hinzu: „Das ist doch jetzt kein Sonntag für mich.“

Der Gottesdienst zur Verabschiedung von Organist Walter Hollstein ist für Sonntag, 7. März, 17 Uhr in der Kirche Pfieffe geplant. Er wird von Pfarrerin Sabine Werner geleitet. Die Predigt hält Dekan Norbert Mecke, die musikalische Gestaltung übernehmen Bezirkskantor Christian Fraatz sowie der Pfieffer Kirchen- und der Posaunenchor.

Von Claudia Feser

Quelle: HNA

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