Jahrelanges Martyrium für die Tochter: Prozessauftakt in Marburg

Marburg. Der Prozessauftakt schockierte: Ein 55-Jähriger soll seine heute 28-jährige vergewaltigt haben, seit sie elf Jahre alt war. Familienmitglieder bezeichneten ihn als Tyrannen, er selbst nannte sich einen guten Vater.

Ein 55-Jähriger hat von 1997 bis 2002 in mindestens 106 Fällen seine Tochter sexuell missbraucht: So lautet die Anklage. Vor dem Landgericht Marburg wurde gegen den Mann aus dem Kreis Marburg-Biedenkopf wegen sexueller Nötigung verhandelt.

Dabei soll es unter Gewaltandrohung sowohl zum vaginalen wie auch analen Geschlechtsverkehr gekommen sein. Laut Anklage begann das langjährige Martyrium der Tochter bereits im Alter von elf Jahren.

Die Tochter saß ihrem Vater als Nebenklägerin gegenüber. Die Anwesenheit des Vaters war für sie eine offensichtliche Belastung. Immer wieder liefen der jungen Frau Tränen über das Gesicht. Mit bewundernswerter Stärke ertrug die heute 28-Jährige die detaillierten Schilderungen der Taten und die Konfrontation mit dem Täter.

Schon vor dem Gerichtssaal fiel der Industriearbeiter durch sein aggressives Verhalten auf. „Wenn Sie etwas schreiben, zeige ich Sie an“, drohte der Mann gestikulierend und mit herrischem Tonfall gegenüber dem Berichterstatter der HNA.

Sein Jähzorn und seine Aggressivität waren im Laufe der mehrstündigen Beweisaufnahme immer wieder Thema und zogen sich wie ein roter Faden durch den Prozess. Tochter, Sohn, Ehefrau und Schwestern berichteten in ihren Aussagen dem Gericht übereinstimmend von dem aufbrausenden und Furcht einflößenden Wesen des Mannes. „Wir hatten wirklich immer Angst vor ihm. Er war immer so aggressiv und laut“, erklärte die jüngere Schwester des 55-Jährigen bei ihrer Zeugenaussage.

Nach Verlesung der Anklageschrift schilderte der 55-jährige Mann die Taten aus seiner Sicht. Unumwunden gab er den Missbrauch seiner Tochter zu. In für das eventuelle Strafmaß wesentlichen Punkten wich seine Aussage aber von den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft ab. Er habe den Geschlechtsakt nie vollendet, sondern sich nur an seiner Tochter gerieben. Außerdem seien es viel weniger Vorfälle gewesen. „106 Mal kann doch gar nicht sein, maximal zehn bis 12 Mal“, versuchte der Mann seine Taten gegenüber dem Gericht zu relativieren.

Wahre Schuldeinsicht oder gar Reue war bei dem Mann nicht zu erkennen. Immer wieder betonte der Arbeiter, wie wichtig ihm die Familie sei. Dies gipfelte in der Aussage, er sei kein schlechter Vater gewesen und würde seiner Familie nie etwas antun. Woraufhin der Vorsitzende Richter dem Mann entschieden entgegenhielt: „Sie haben ihrer Tochter aber etwas angetan!“

Die Befragung der Tochter geschah unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Danach verließ die junge Frau den Gerichtssaal und das Angesicht ihres Peinigers. Die weiteren Zeugenaussagen bestätigten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Das von dem Angeklagten gezeichnete vermeintlich heile Familienbild zerbröckelte zusehends. Die Familie sah in dem Mann keinen fürsorglichen Familienvater, sondern einen Tyrannen. „Er ist niemals ein guter Vater und Mann gewesen“, erklärte seine Ehefrau zornig.

Zu einer dramatischen Situation kam es bei der Befragung der letzten Zeugin. „Ich wurde von ihm als Kind auch missbraucht“, erklärte die 45 jährige Frau auf Nachfrage der Staatsanwältin unter Tränen. Damit endete die Beweisaufnahme im Saal des Landgerichts mit einem wahren Paukenschlag. In der kommenden Woche wird der Prozess fortgesetzt.

Von Matthias Haaß

Quelle: HNA

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