Vor 75 Jahren bestanden in Treysa erstmals junge Männer ihr Abitur

Dokument: Das Duplikat des Abiturzeugnisses von Walter Sinning von 1940 wird im Archiv des Schwalmgymnasiums aufbewahrt.

Seit Ostern 1909 gab es eine höhere Knaben- und Mädchenschule („Realprogymnasium") in Treysa, aber erst 1940 war der gewünschte Aufbau zu einer „Vollanstalt" abgeschlossen, so dass erstmals eine Reifeprüfung (Abitur) durchgeführt werden konnte.

Wegen des starken Unterrichtsausfalls infolge des Ernteeinsatzes und sonstiger Hilfsdienste der älteren Schüler wünschte der Minister, dass die verbleibende Unterrichtszeit genutzt und das Abitur erst im März abgeschlossen wird.

Die 8. Klasse (Unterprima) bestand zunächst aus 16 Schülern, von denen aber neun zwischen dem 15. November 1939 und dem 15. Februar 1940 zur Wehrmacht eingezogen wurden. Mit der Vorlage der Einberufung wurde ihnen das Reifezeugnis zuerkannt („Notabitur“).

Nachdem ein Schüler abgegangen und ein weiterer nicht zugelassen worden war, traten die verbliebenen fünf jungen Männer am 16., 17., 19. und 20. Februar zu den schriftlichen Arbeiten an. Die Aufgabenthemen spiegeln das nationalsozialistische Wertesystem: „Unterdrückte Länder werden nicht durch flammende Proteste in den Schoß eines gemeinsamen Reiches zurückgeführt, sondern durch ein schlagkräftiges Schwert“ (Adolf Hitler), „Männer machen Geschichte“, „Die Chemie im Kampf um unsere Nahrungsfreiheit“, „Die Anwendung physikalischer Erfindungen im Kriege“. Ein Kriterium der Bewertung war die „nationalsozialistische Haltung“.

Die fünf Abiturienten, die im März die Prüfungen abschlossen: Lehrer (sein Name ist nicht bekannt, von links) Hans Lück aus Ziegenhain, Gerhard Heide aus Ziegenhain, Walter Sinning aus Treysa, Lehrer (auch sein Name ist nicht bekannt), Hans Bernhardt aus Treysa und Wilhelm Premper aus Linsingen. Foto:  privat/nh

Am 5. März 1940, am 18. Geburtstag von Walter Sinning, einem der fünf Abiturienten, fand schließlich das erste Abitur in Treysa seinen Abschluss mit drei bis vier mündlichen Prüfungen pro Schüler. Auch hier waren die Themen vom Nationalsozialismus und vom Krieg dominiert: „Die chemischen Kampfstoffe“, „Ostkolonisation“, „Die Bedeutung der Luftwaffe im jetzigen Kriege“, „Die Nürnberger Parteitage“, „Die Ursachen für den Untergang von Kulturvölkern“, „Aufartung durch die Gesetzgebung des Nationalsozialismus“ und „Aus gegebenen Angaben über drei Menschen ist der dem nordischen Ideal nächststehende festzustellen.“

Alle fünf Schüler bestanden das Abitur. Die Zeugnisse wurden am 15. März 1940 überreicht. Eine Abschlussfeier oder gar ein Abi-Ball fanden nicht statt. Das Abitur als Erlangung der allgemeinen Hochschulreife für die Aufnahme eines Studiums verlor seinen Sinn. Die Jugend sollte Deutschlands Vormachtstellung erreichen oder mit dem Land untergehen. Viele bezahlten diesen Wahn mit dem Leben oder einer beschädigten Seele.

Von Bernd Lindenthal

Quelle: HNA

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