Vor 75 Jahren wurde das damals größte Sprengstoffwerk Deutschlands errichtet

Stadtallendorf. Vor rund 75 Jahren wurden in unmittelbarer Nachbarschaft des Altkreises Ziegenhain Deutschlands größte Sprengstoffwerke gebaut. Die Errichtung der Werke erfolgte im Auftrag der Wehrmacht über ein getarntes staatliches Finanzierungs- und Verwaltungssystem.

Die im Zweiten Weltkrieg nicht zerstörten Anlagen und Gebäude der Sprengstoffwerke bildeten nach 1945 die Grundlage für die Entwicklung des Dorfes Allendorf hin zum heutigen Stadtallendorf.

Heute sind viele der Produktions-, Funktions- und Lagergebäude der beiden Allendorfer Sprengstoffwerke-Werk Herrenwald und Werk Allendorf (WASAG und DAG) teilweise von Bäumen und Gestrüpp überwuchert. Andere der Gebäude sind optisch nicht mehr ihrer ursprünglichen Verwendung zuzuordnen, weil sie um- oder überbaut wurden und mittlerweile als Wohn-, Geschäfts- oder Fabrikationsgebäude genutzt werden.

Im Zuge der Aufrüstung der deutschen Wehrmacht planten die damalig Verantwortlichen ab 1935 eine drastische Erhöhung der Sprengstoffproduktion. Die war 1928

wegen der Bestimmungen des Versailler Vertrags auf etwa drei Prozent der Kapazitäten gegen Ende des Ersten Weltkriegs abgesackt. Als Standort für eine Sprengstoffproduktion wurde die Region um das Bauerndorf Allendorf mit seinen damals 1500 Einwohnern vor allem deshalb ausgewählt, weil man in den Waldflächen des Herrenwaldes gute Tarnungsmöglichkeiten sah.

Außerdem konnte man auch auf die dortigen riesigen Grundwasservorkommen zurückgreifen – wichtig für die Produktion. Nach einer kurzen aber sehr intensiven Planungsphase wurden ab Mitte 1939 auf einer Fläche von fast 1000 Hektar nördlich und südlich der Main Weser Bahn, die beide Sprengstoffwerke voneinander trennte, in kürzester Zeit mehr als 700 Gebäude und die dazu gehörende Infrastruktur errichtet.

Dabei kamen rund 20.000 Arbeitskräfte aus dem Umland, aus Italien und den Beneluxländern zum Einsatz, die zum Teil täglich mit der Bahn oder in Bussen herantransportiert wurden oder in insgesamt 14 Massenunterkünften untergebracht waren. Die Erstellungskosten beliefen sich auf rund 500 Millionen Reichsmark. Bereits im September 1940 wurden die ersten Sprenkörper gefüllt. Die Produktion des Sprengstoffs Trinitrotoluol (TNT) begann etwas später i

m Februar 1941. Insgesamt wurden dort in den damaligen größten und modernsten Sprengstoffwerken Europas bis zu Produktionsende am 27. März 1945 mehr als 130 000 Tonnen TNT hergestellt. Panzerfaustproduzent Davon wurden etwa 100 000 Tonnen in leere Munitionshüllen wie Bomben, Minen und Torpedosprengköpfe verfüllt. Eine große Bedeutung hatte das Werk als Panzerfaustproduzent. Mit einem monatlichen Ausstoß von bis zu 250 000 Panzerfäusten ab Mitte 1944 war das Werk Herrenwald der größte Panzerfaustproduzent des Deutschen Reichs. Einen weiteren Schwerpunkt mit einem Anteil von rund 40 Prozent der deutschen Gesamtproduktion hatten beide Werke bei der Fertigung der Sprengköpfe für die „Vergeltungswaffen“ V1 und V2.

Von Alfons Wieber 

Mehr über die Geschichte Stadtallendorfs lesen Sie in der gedruckten Dienstagsausgabe der Schwälmer Allgemeinen.

Quelle: HNA

Kommentare