Fritz Bierwirth hat ein seltenes Hobby: Hessenstickerei auf Decken und Deckchen

Jedes Stück ein Unikat

Er stickt für sein Leben gern: Fritz Bierwirth aus Heina ist ein Meister in Sachen Hessenstickerei, die er sich selbst beigebracht hat. Kleine Bilder: Die Borte entsteht in mehreren Schritten – Hohlsaum, Fäden ziehen und mit dem Stickgarn bündeln. Fotos:  Müller-Neumann

Heina. Früher war es Fritz Bierwirth aus Morschen-Heina peinlich, wenn er von seinem Hobby erzählte. Inzwischen steht er dazu: Er stickt leidenschaftlich gern. Nicht etwa einfachen Kreuzstich auf Aida-Stoff, wie ihn Anfänger benutzen, sondern die komplizierten und filigranen Muster der Hessenstickerei.

Herzen, Blumen, kleine Vögel und Ranken zieren das feine Leinen. Knötchenstich, Kettstich, Blattstich, Stopfstich – für den 72-Jährigen sind sie selbstverständlich. Längst selbstverständlich, denn dem für einen Mann ungewöhnlichen Hobby frönt er seit gut 20 Jahren.

Genau genommen wurde die Grundlage für seine Freude am Arbeiten mit Nadel und Faden schon in der Kindheit gelegt. Während die Mutter Wolle spann, fand der Junge stricken und sticken interessant.

Zum 50. Geburtstag bekam er eine Vorlage für Gobelinstickerei geschenkt, das als buntes Bild im Wohnzimmer hängt. Dann fing er mit Hardanger-Stickerei an. Doch die aus Norwegen stammende Technik mit geometrischen Motiven habe ihm nicht so gut gefallen, macht der Rentner deutlich.

„Das Buch ,Hessenstickerei’ war an allem Schuld.“

Fritz Bierwirth

Als er mit seiner Frau Leni eine Ausstellung mit Hessenstickerei in der Schwalm besuchte, war er begeistert. „Das Buch ,Hessenstickerei’ war an allem Schuld“, erinnert er sich. Das war Anfang der 90er-Jahre. „Mit dem Buch habe ich mir alles selbst beigebracht.“

Jeden Abend viele Stunden

War es früher eine schöne Beschäftigung nach der Arbeit als Straßenbahnfahrer, so hat Fritz Bierwirth seit der Pensionierung vor 14 Jahren mehr Muße für das produktive Hobby. Im Sommer legt er schon mal eine Pause ein, doch werden die Tage kühler und kürzer, greift er wieder zum Leinen und zu Nadel und Faden. Abends beim Fernsehen. „Außer, wenn es Fußball gibt“, gesteht der Heinaer.

Ansonsten sitzt er stundenlang, Tag für Tag und Woche für Woche über dem Leinen, säumt die Kanten, bügelt das Muster auf, zieht Fäden für die Durchbruchmotive und stickt mit unendlicher Geduld die filigranen Muster auf das Tuch. Die Vorarbeiten sind allerdings am aufwändigsten.

Mal sind es kleine Deckchen, mal mittelgroße, mal Tischdecken für die Kaffeetafel. Mal sind sie ganz klassisch weiß auf weiß, mal in zarten Farben. Mal entscheidet sich Bierwirth für traditionelle Schwälmer Motive, mal wandelt er sie ab.

Längst hat er Routine in der kniffeligen Arbeit. Doch manchmal geht trotz aller Konzentration auch etwas schief. „Dann trenne ich es wieder auf“, sagt der Hobby-Sticker.

Wichtig sind gutes Licht und die Brille. Verspannungen in der Schulter kennt Bierwirth nicht. „Im Gegensatz zum Stricken ist der Oberkörper ständig in Bewegung“, erklärt er, denn das Tuch muss immer wieder gedreht und dabei hochgehoben werden.

Kostbarkeiten

Wie viele Decken und Deckchen er in all den Jahren mit seiner Stickerei verziert hat, kann er nicht einmal schätzen, auch nicht, wie viele Stunden er jeweils daran sitzt.

Hin und wieder wird eines der kostbaren Werke verschenkt. Und die Beschenkten wissen um den Wert, der bei einer mittelgroßen Decke bei einigen Hundert Euro liegt.

Eine der Arbeiten ist als Altartuch mit gehäkelter Spitze in der Heinaer Kirche in Gebrauch. Von Januar bis April habe er täglich acht bis zehn Stunden daran gearbeitet. Das war vor zehn Jahren.

Von Brigitte Müller-Neumann

Quelle: HNA

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