Jennifer Wagner (27) im Interview

Gespräch mit einer der jüngsten Chorleiterinnen der Region

Chorarbeit ist ihr wichtig: Jennifer Wagner (27) ist seit zehn Jahren Leiterin des Gesangvereins in Ottrau. Foto: Rose

Ottrau. Jennifer Wagner aus Ottrau ist 27 Jahre alt und wohl eine der jüngsten Chorleiterinnen in der Region. Das Besondere: Sie feierte kürzlich Jubiläum.

Denn den Gesangverein im Ort leitet die studierte Kulturwissenschaftlerin seit zehn Jahren. Über ihre Arbeit mit dem Gesangverein, den Menschen und wie sie die Zukunft des Chorgesangs einschätzt, darüber haben wir im Interview mit Jennifer Wagner gesprochen.

Frau Wagner, wie sind Sie Chorleiterin geworden? 

Wagner: „Ich bin da quasi rein gewachsen. Mein Vater hat den Jungen Chor, den es heute nicht mehr gibt, mitgegründet. Ich war schon immer involviert, weil er kein Tasteninstrument spielte, ich aber Orgel. Als ich 17 war, hatte er einen schweren Unfall und konnte den Chor länger nicht leiten. Da sagte er zu mir, dass ich das sicher gut könnte. Irgendwann legte man den Jungen Chor und den Gesangverein zusammen. Die Chöre waren allein nicht mehr singfähig. Heute hat der Gesangverein eine stabile Stärke.“

Im Gesangverein ist die Altersstruktur sicher höher als in einem Jungen Chor. Wie haben Sie sich als junge Chorleiterin Gehör und Respekt verschafft? 

Wagner: „Klar, die Sänger waren anfangs skeptisch, aber nie böswillig. Glücklicherweise gab es zwischendrin kurz eine andere Chorleiterin - eine studierte Musikerin. Und die hat vieles, was ich bereits eingeführt hatte - etwa das Einsingen - ganz genauso gemacht. Die Sänger haben die Veränderungen dann auch akzeptiert. Anfangs bin ich mit großen Idealen angetreten. Ich habe aber schnell gelernt, die der Realität anzupassen. Es geht nicht nur ums Singen. Es geht um Zugehörigkeit, darum, dass etwas fürs Dorf angeboten wird. Und man muss die Balance zwischen Jung und Alt finden. Es ist eine Herausforderung, jeden mal zufriedenzustellen. Ein Lied dauert schließlich maximal drei Minuten.“

 Was haben Sie strukturell an den Chorstunden verändert? 

Wagner: „Als erstes habe ich den Kasten Bier im Saal abgeschafft. Das war meine erste Amtshandlung. Auch das Einsingen habe ich verlängert. Dass das nicht jeder Sänger akzeptiert hat, sehe ich daran, dass manche konsequent nach dem Einsingen kommen - aber das ist in Ordnung. Letztlich mache ich ein Angebot. Das kann man nutzen oder eben nicht. Wichtig zu bedenken ist, dass Singen im Chor Teamarbeit ist. Wer sich als Einzelner profilieren will, ist im Chor falsch. Und Chorgesang ist ein Stück weit immer auch Diktatur - einer muss schließlich die Entscheidungen treffen.“

Wie schätzen Sie die Zukunft der Gesangvereine ein? 

Wagner: „Die Gesangvereine in den Dörfern werden sich über kurz oder lang zu regionalen Chören zusammen schließen müssen, um singfähig zu bleiben. Lange Zeit galt der Gesangverein als Treffpunkt, um das dörfliche Leben aufzuhellen, um sich zu stützen, auszutauschen. Letzteres ist immer noch der Fall. Die Chorstunde schweißt zusammen, gibt das Gefühl von Zugehörigkeit. Und wenn wir danach ein Bier zusammen trinken, ist das einfach ein schönes Gefühl. Aber heute gibt es eben neben dem Gesangverein noch viele andere Angebote, mit denen man seine Freizeit füllen kann.“

Wie müsste das Chorangebot aussehen, um junge Leute stärker anzusprechen? 

Wagner: „Es liegt definitiv nicht an der Chorliteratur. Die Vielfalt ist riesig. Und es gibt durchaus sehr anspruchsvolle und qualitativ hochwertige Literatur. Aber als generelles Problem sehe ich doch ein großes Überangebot an Freizeitmöglichkeiten. Für Vereine wird es künftig schwierig bis unmöglich, Menschen langfristig an sich zu binden.“

Was bedeutet Ihnen persönlich die Chorarbeit? 

Wagner: „Hier in Ottrau habe ich die Gewissheit, dass der Chor wahrgenommen wird und wichtig ist. Wir singen nach wie vor am ersten Weihnachtsfeiertag in der Kirche. Und auch, wenn es vorher manchmal nicht klappt - solche Auftritte motivieren ungemein. Wenn Publikum da ist, holen die Sänger das Letzte aus sich raus. Und das bestätigt mich darin, dass die Arbeit wertvoll ist. Und natürlich macht sie mir einfach riesig viel Spaß.“ (zsr)

• Gefeiert wird das 120-jährige Bestehen des Gesangsvereins am Samstag, 6. Dezember, ab 20 Uhr in der Mehrzweckhalle in Ottrau. Geplant ist ein Festkommers.

Quelle: HNA

Kommentare