Judith Efrony aus Israel besuchte die Heimat ihrer Vorfahren

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Spurensuche: Judith Efrony, ihre Tochter Hagar Peleg und deren Sohn Yiftach Peleg, vor dem Haus, das einst der Familie Stamm gehörte. Judiths Eltern haben dort kurz vor der Auswanderung nach Palästina bei den Eltern ihrer Mutter gewohnt.

Felsberg/Tel Aviv. Judith Efronys Vater muss ein vorausschauender Mensch gewesen sein, als er beschloss, mit seiner Frau Lilli, geb. Stamm, 1935 nach Palästina auszuwandern. Nun hat sich die 72-Jährige auf den Weg von Israel nach Deutschland, der Heimat ihrer Vorfahren, gemacht.

In Felsberg, vor allem im Archiv der Stadt, hat sie gemeinsam mit ihrer Tochter Hagar Peleg und deren Sohn Yiftach mehr über die Familiengeschichte erfahren - und umgekehrt profitierten die ehrenamtlichen Mitarbeiter vom Erfahrungsschatz der 72-Jährigen.

Judith Efrony wurde 1938 in Palästina geboren. Einige Male war sie zusammen mit ihrem Mann in Frankfurt. Vor etwa zehn Jahren machten sie sich von dort mit der Bahn auf nach Felsberg und ließen sich von einem Taxi-Fahrer die Stadt zeigen. „Wir haben aber mit niemandem geredet“, sagt Judith Efrony. Das sollte sich nun ändern.

Hatte sie sich als junge Frau wenig für die Geschichte und Herkunft der Familie interessiert, so änderte sich das mit zunehmendem Alter. „Zum Glück sind meine beiden Eltern 93 Jahre alt geworden und konnten noch erzählen“, sagt sie in einwandfreiem Deutsch, das sie von der Mutter gelernt hatte.

So schickte sie vor zwei Jahren eine E-Mail an die Felsberger Stadtverwaltung, die die Anfrage ans Stadtarchiv weiter leitetet. Zwei Jahre ging der Kontakt zwischen Judith Efrony und Kornelia Schmid hin und her, auch die Ankündigung zu kommen. Nun hat es geklappt.

Sie schauten sich die einstige Felsberger Synagoge an und waren überrascht über den guten Zustand des jüdischen Friedhofs, wo sie Gräber von Verwandten der großmütterlichen Linie Hoffmann entdeckten. Sie besichtigten die Mikwe (rituelles Reinigungsbad) und das Haus, in dem einst die jüdische Schule untergebracht war. Judith Efrony, ihre Tochter und ihr Enkel interessierten sich nicht zuletzt für das Haus, in dem die Großeltern einst gelebt und die Eltern, die berufsbedingt häufig innerhalb Deutschlands umgezogen waren, vor der Auswanderung gewohnt hatten. Der Vater war Kaufmann, die Mutter, die als Kind die katholische Ursulinenschule in Fritzlar besucht hatte, war Klavierlehrerin. Nicht nur die Sprache hat ihre Mutter ihr mitgegeben und ein Stück weit deutsche Kultur, sondern auch viele Zeugnisse der deutschen Geschichte: Kein Papier wurde weggeworfen, und so hat die 72-Jährige noch heute ein altes Märchenbuch der Brüder Grimm, den Struwwelpeter und die Geschichten von Max und Moritz. Fürs Stadtarchiv ein wertvolles Stückchen Papier ist ein Zettel eines alten Rechnungsblocks aus den 30er-Jahren, den Judith Efrony mitgebracht hat.

Für die Gäste aus Israel war dagegen interessant zu erfahren, wie sich das jüdische Leben vor der Machtergreifung der Nazis in Felsberg gestaltet hatte. Stadtrat und Historiker Hans Poth schöpfte aus seinem geschichtlichen Wissen - auf Englisch, damit auch Hagar Peleg und ihr Sohn, die kein Deutsch sprechen, die Ausführungen verstanden.

Von Felsberg aus, wo der Erste Stadtrat Jürgen Rath sich um die Gäste aus dem Nahen Osten gekümmert hatte, fuhren die drei weiter nach Köln und nach Remscheid, wo Judith Efronys Eltern auch einmal gewohnt haben. (bmn)

Quelle: HNA

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