Junge Ärztin aus Portugal schnuppert in Zierenberger Gemeinschaftspraxis

Mediziner bei einer Besprechung (von links): Gisela Stahl, Dr. Christian Haase, Dr. Rita Pombal und Dr. Wetzel. Foto: Pinto

Zierenberg. Das in ihrer Heimat verbreitete Klischee, die Deutschen seien kalt und auf Effizienz getrimmt, hat Dr. Rita Pombal gleich in den ersten Tagen ihres Aufenthalts in Zierenberg über Bord geworfen. „Ich bin sehr herzlich empfangen worden, die Kollegen sind supernett und hilfsbereit“, schwärmt die junge Ärztin aus Portugal.

Seit Montag macht sie im Rahmen des EU-Austauschprogramms „Hippokrates Exchange“ in der Gemeinschaftspraxis von Dr. Dirk Wetzel, Gisela Stahl und Dr. Christian Haase ein zweiwöchiges Praktikum. Und auch die Landschaft hat es ihr angetan. „Für mich als Pfadfinderin ist es herrlich, soviel Natur, so schöne Berge“, sagt die 28-Jährige aus Portugals zweitgrößter Stadt Porto.

Hintergrund: Langer Weg zum Facharzt

Frischgebackene Mediziner müssen nach dem Studium eine Ausbildung zum Facharzt machen. Das gilt auch für Allgemeinmediziner. In Deutschland dauert diese Qualifikation fünf Jahre, in denen die Betroffenen zahlreiche Bereiche durchlaufen müssen. Das ist auch in Portugal so, allerdings dauert die Ausbildung nur vier Jahre, die in etwa je zur Hälfte im Krankenhäusern und staatlichen Gesundheitszentren absolviert wird. (jop)

Was also verschlägt die junge Medizinerin, die nach erfolgreichem Studium die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeine Medizin absolviert (siehe Hintergrund), nach Zierenberg? „Ich will sehen, wie eine deutsche Arztpraxis funktioniert“, antwortet sie. Denn sie trage sich mit dem Gedanken, nach Beendigung der Facharztausbildung in einem Jahr nach Deutschland auszuwandern, auch weil ihr Freund als Web-Designer für ein Hamburger Unternehmen tätig ist und „die Verdienstmöglichkeiten hierzulande viel besser sind“, sagt die sympathisch junge Frau.

Und Zierenberg habe sie gewählt, weil hier kein starker Dialekt vorherrsche. Seit einem Jahr lernt sie Deutsch, spricht recht gut und versteht viel mehr.

Und welchen Eindruck hat sie vom deutschen Gesundheitswesen mit seinen privaten Arztpraxen? „Das hat gegenüber unserem System mit staatlichen Gesundheitszentren Vor- und Nachteile“, stellt sie fest. Ein Vorteil sei, dass die Patienten in Deutschland sehr viel einfacher und schneller an Termine bei spezialisierten Fachärzten kämen. Der Nachteil allerdings sei, dass es häufig zu überflüssigen Arztbesuchen komme. „Der Hausarzt hat doch die Gesamtsicht auf den Patienten, der Facharzt sieht häufig nur sein Spezialgebiet“, sagt Pombal und spitzt den Unterschied der beiden Systeme bemerkenswert scharfsinnig zu: „Das portugiesische System kann mitunter dem Patienten, das deutsche der Gesundheit schaden.“

Aktualisiert um 20.40 Uhr.

Und ihre Kollegen widersprechen ihr nicht. „Das trifft es. Bei uns laufen viele Menschen wegen kleiner Wehwehchen sofort zum Facharzt, das ist nicht immer gut“, pflichtet ihr Dr. Wetzel bei und nutzt die Gelegenheit, für den Beruf des Allgemeinmediziners zu werben. „Das ist nach wie vor eine tolle Tätigkeit. Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen“. Auch deshalb biete die Praxis in der Burgstraße regelmäßig jungen Kolleginnen und Kollegen Praktika an. „Es liegt uns am Herzen, den Nachwuchs zu fördern“.

Von José Pinto

Quelle: HNA

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