Vater und Sohn akzeptieren vor Gericht Auflagen – Anzeige kam aus dem Nachbarrevier

Jungjäger schoss zu früh

Treysa. Um Haltung bemüht, aber doch sichtlich aufgewühlt verfolgte ein junger Mann aus dem Altkreis Ziegenhain den Verlauf seiner Verhandlung vor dem Amtsgericht in Treysa. Mit zunehmender Verhandlungsdauer zitterte seine Unterlippe unübersehbar und machte deutlich, unter welcher Anspannung der 20-Jährige stand.

Laut Staatsanwaltschaft soll der angehende Student im Mai im Jagdrevier seines Vaters unerlaubt eine Waffe geführt haben. Der 20-Jährige ging mit der Jagdwaffe und vermutlich auch mit Wissen seines Vaters in den frühen Abendstunden unerlaubterweise auf den Ansitz. Dabei schoss er von einem Hochsitz aus zweimal auf ein Reh, das er aber verfehlte.

Durch die Schussgeräusche wurden mehrere Jäger aus dem Nachbarrevier aufmerksam, erstatteten Anzeige und brachten damit den Stein ins Rollen. Zum Tatzeitpunkt hatte der junge Mann seinen Jagdschein eigentlich so gut wie in der Tasche, es fehlten nur noch wenige Prüfungen.

Auf Anraten seiner Verteidigerin wollte der Jungjäger zu den Vorwürfen keine Stellung beziehen und verweigerte die Aussage. Alles schien auf eine lange Verhandlung hinauszulaufen, fünf Zeugen warteten vor dem Gerichtssaal auf ihren Auftritt.

Die Verteidigung des jungen Mannes verfolgte zunächst einen aggressiven Stil, bezweifelte erst einmal die Objektivität des Gerichts und stellte gleichzeitig den Antrag auf Untersuchung der Patronenhülsen auf DNA-Spuren, um ihren Mandanten zu entlasten. Das Gericht nahm den Antrag zwar an, äußerte aber starke Zweifel über die Sinnhaftigkeit eines DNA-Tests. Wie kann ich an einer Patrone feststellen, wer geschossen hat“, kommentierte auch der Staatsanwalt ablehnend.

Der Staatsanwalt, selber Jäger, zeigte durchaus Verständnis für den jungen Waidmann und verordnete das unerlaubte Führen der Jagdwaffe in der Rubrik große Dummheit: „Da die Tat im eigenen Revier erfolgte, ist es keine Wilderei gewesen, sondern nur unerlaubter Waffenbesitz. Wir wollen das Ganze auch nicht zu hoch hängen.“

Staatsanwalt wie auch Richter waren sichtlich bemüht, ein für alle Beteiligten gerechtes und zufriedenstellendes Ende herbeizuführen. „Die Sache ist sehr verzwickt“, befand der Vorsitzende Richter und versuchte dem Angeklagten eine gangbare Brücke mit dem Ziel der Verfahrenseinstellung zu bauen.

„Ob Sie bei einer Verhandlung aus der Nummer herauskommen, weiß ich nicht. Sie fahren sehenden Auges gegen die Wand. Die Aktenlage ist eindeutig“, appellierte der Richter an die Vernunft des 20-Jährigen.

Auch auf den Vater wäre im Falle einer Verurteilung einiges zugekommen: Im Raum stand nicht nur der Entzug des Jagdscheins und damit der Verlust des Jagdreviers, sondern auch eine Haftstrafe als Folge des Waffenvergehens.

Das Damoklesschwert über den Köpfen von Vater und Sohn zeigte letztendlich Wirkung und brachte noch vor der Beweisaufnahme die Wende. Nach einem knapp 15-minütigen Rechtsgespräch mit ihrer Verteidigerin akzeptierten alle Beteiligten den Antrag des Gerichts auf Einstellung des Verfahrens gegen Erfüllung von durchaus schmerzhaften Auflagen. Der Jungjäger muss innerhalb der nächsten sechs Monate 100 Stunden Sozialstunden ableisten, sein Vater muss 6000 Euro an eine soziale Einrichtung im Schwalm-Eder-Kreis zahlen.

Von Matthias Haaß

Quelle: HNA

Kommentare