Männliche Grundschullehrer

Kinderpsychotherapeutin im Interview: „Jungs brauchen Männer“

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Motorisch aktiver: Jungen werden an Grundschulen überwiegend von Lehrerinnen unterrichtet. Für manche Verhaltensweisen haben männliche Kollegen mehr Verständnis.

Schwalm-Eder. Die Zahl der männlichen Grundschullehrer liegt hessenweit unter zehn Prozent. Welche Auswirkungen hat das? Eine Kinderpsychotherapeutin erklärt es.

Frau Dr. Wiedenhöft, warum benötigen Kinder, insbesondere Jungs, männliche Bezugspersonen? 

Wiedenhöft: Männer und Frauen nehmen das Leben unterschiedlich wahr und geben Anforderungen unterschiedlich weiter. Diese Vielfalt ist für Kinder entwicklungsfördernd. Das ist aber nicht ausschließlich am Geschlecht festzumachen.

Das heißt, unterschiedliche und mehrere Bezugspersonen reichen aus?

Wiedenhöft: Ja und nein. Es gibt sehr feminine Männer und sehr maskuline Frauen. Das hat nicht unbedingt mit dem Geschlecht zu tun. Aber es gibt schon einen grundsätzlichen Unterschied zum Beispiel beim Spielen, der Entdeckung der Welt und der Wahrnehmung von Situationen.

Also unterscheidet sich der Unterricht von Männern und Frauen doch per se. 

Wiedenhöft: Ich bin vorsichtig mit per se. Jungs sind oft motorisch aktiver. Aber einer Lehrerin könnte dafür das Verständnis fehlen, dass für Jungen die Bewegung zum Beispiel eine Ableitung für Kummer und Sorgen sein kann. Der Bewegungsdrang kann dann mit Unruhe oder einer Konzentrationsschwäche fehlgedeutet werden.

Könnten Jungen also unter einer Feminisierung der Schule leiden? 

Wiedenhöft: Ich befürchte ja.

Die Rauferei unter Zweitklässlern würde ein männlicher Lehrer anders bewerten? 

Wiedenhöft: Ja, aber darauf kommt es nicht so sehr an. Ich würde mir aber wünschen, dass motorisch aktive Kinder den Raum verlassen können und sich ihr Drang nicht bis zur Pause anstaut. Männliche Pädagogen könnten das leichter nachvollziehen.

Wäre dann nicht zu befürchten, dass die Kinder wichtigen Stoff verpassen? 

Wiedenhöft: So stören die Kinder den Unterricht, wenn sie keine Möglichkeit bekommen, sich zu bewegen. Außerdem bekommen sie einen Stempel. Statt zu sagen „Geh ein bisschen raus, dann kannst du besser weiterarbeiten“, die Jungen stigmatisiert.

Männliche Lehrer haben also ein besseres Verständnis für Bewegungsdrang, aber wofür stehen sie bei den Jungen? 

Wiedenhöft: Jungs brauchen Männer, sie sind ganz wichtige Vorbilder. Jungen benötigen sie für die Identifikation mit dem Männlichen. Mit ihnen sollten sich die Jungen aber real auseinandersetzen und reiben können. Aus der Ferne hat es nicht denselben Effekt.

Ist die Autorität männlich besetzt? 

Wiedenhöft: Das muss man familien- und kulturspezifisch differenzieren. Das lässt sich nicht geschlechtsspezifisch unterscheiden.

Dr. Almut Wiedenhöft ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Frielendorf.

Von Damai D. Dewert

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Quelle: HNA

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