Kabarett-Tage: Zweite Runde mit Nils Heinrich und Sia Korthaus

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Bitte recht spaßig: Einen kontrastreichen Kabarett-Abend boten Sia Korthaus und Nils Heinrich dem Publikum in der Melsunger Kulturfabrik.

Melsungen. Der 16. Melsunger Kabarett-Wettbewerb ging am Mittwoch in die zweite Runde. Auf der Bühne: der bei Stuttgart lebende Nils Heinrich mit Auszügen aus seinem Programm „Die Abgründe des Nils“ sowie die Kölnerin Sia Korthaus, die sich mit der hilflosen Erkenntnis „Auch Glückskeks können krümeln“ den Stolpersteinen auf dem Weg ins Glück näherte.

Den Auftakt machte Nils Heinrich. Ein großartiger Kabarettist, der in Stuttgart lebt, aber „eigentlich von drüben“ stammt, wie er gern betont. Doch ob nun jenseits oder diesseits der ehemaligen Mauer: Der Verfall hat nach Ansicht des 38-jährigen sowohl den Sozialismus wie auch den Kapitalismus verschlungen.

Zwischen gestern und heute, drüben und hier, zwischen Tiefsinn und Blödsinn pendelt er sich in seine Mitte und formt dabei einen überaus amüsanten wie auch vielseitigen Bühnencharacter aus. Ein Partisan, der aus dem Schmollwinkel explodiert, ist er und wirkt dabei wie ein großer, übersehener Junge, der mit trotzig blödel-sinnigen Betrachtungen die Pole vertauscht.

Im Mittelpunkt dabei: die ehemalige DDR. Dort ist er aufgewachsen und dort ist auch sein ergiebigster kabarettistischer Tummelplatz. Die sozialistische Magie der gelben Telefonzellen hat ihn stark beeindruckt: „Die Zellen stanken nach nassem, totem Köter, und an den Apparaten hingen Hanteln, die an den Ohren klebten“. Der Vorteil jedoch: „Gegen Krankheiten waren wir deswegen immun.“

Von den leeren DDR-Regalen des Sozialismus, vom Leben ohne Clerasil schnellt er ins Handy-Zeitalter des Kapitalismus und nörgelt: „Schon mal ’ne SMS geschrieben?“ Die Wortvervollständigungs-Software, die seine Eingaben kurios verstümmelt, sei wohl „von Legasthenie-Nazis programmiert“ worden.

Vom zynischen Ankläger zum vor Selbstmitleid triefenden Jammerlappen ist es nur ein Schritt, der ihn zu seiner Gitarre führt. Seine Lieder sind lustvoller Blödel-Schmerz über seine schwere Kindheit: „Alle Kinder guckten Flipper, nur der Nils musste ins Bett“.

Doch einen hat er noch - den durchgeknallten Rap-Vandalen, der sein Sprechgesangs-Stakkato „Wir haben Lactose-Intoleranz“ ins Publikum skandiert. Lautstarker Applaus für die vielseitige Nörgeltasche Nils Heinrich.

Wie Kabarett als Lebenshilfe mutet der Einstieg von Sia Korthaus an: „Was ist das Glück? Wo finden wir es?“, fragt sie wie eine, die den Kick dazu kennt.

Doch schnell wechselt die Dramaturgie, und die Hoffnung weicht der Erkenntnis: Welche Muschel man auch öffnet, die Glücksperle ist nicht darin. Vielleicht weil man am falschen Ort sucht?

Wie steht es mit der Ehe? Klare Absage: „Kauf dir lieber einen Hund“ rät sie ihrer trauwilligen Freundin, „der hat weniger Haare auf dem Rücken als ein Mann“. Zur Junggesellinnen-Abschiedsparty kommt sie dennoch mit. Das Ergebnis: ein Chaos voller Alkohol und Stripper.

„Man muss bei sich selbst beginnen“, lautet ihre Parole, und sie erzählt, wie sie sich esoterischerweise in ein früheres Leben zurückführen ließ. Der Erfolg: „Ich war im Mittelalter und wurde von einem Bären gefressen.“

Da bleibt nur noch die Wahrsagerei. Mit viel Comedy-Talent gibt Sia Korthaus eine blond perückte Moderatorin von Astro-TV, die nicht nur aus Bierschaum die Zukunft liest, sondern sich dabei auch ein Glas nach dem anderen hinter die Binde kippt. Das kann runterziehen, und so singt sie gekonnt melancholische Lieder, die ihrem Programm eine andere, eine gefühlvolle Farbe geben.

Fazit: Sia Korthaus hat einiges zu bieten. Sie ist überzeugend als Schauspielerin, als Sängerin und Komödiantin. Die Kabarettistin in ihr jedoch überzeugte nicht immer. Ihrem Bühnencharacter fehlen etwas die Kanten und Ecken. Aber: Sie ist die einzige Frau im Rennen um die Melsunger Kabarett-Trophäen 2010.

Das pulsierende Element, das einer Bühnenfigur Authentizität gibt, sie glaubhaft macht, bleibt ein wenig gezügelt. Applaus aber für den Gesamteindruck.

Auch dieses Mal freuten sich die Veranstalter und Künstler über die Besucherresonanz: Bis zum letzten Platz war die Kulturfabrik besetzt.

Beim dritten Wettbewerbsabend am Montag, 8. November, treten das Duo Dietrich & Raab (Rostock) sowie Lorenz Böhme aus Würselen auf.

Karten bei der Melsunger Kultur- und Tourist-Info sowie in allen HNA-Geschäftsstellen.

Quelle: HNA

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