Karl Lohr (89) war in Kriegsgefangenschaft und hält bis heute Kontakt nach Leicester

Foto von einst: Es zeigt eine Gruppe Kriegsgefangener, ganz rechts in zweiter Reihe steht der damals erst 17-jährige Karl Lohr aus Welcherod. Fotos:  1 Rose/2 privat

Er war nur einen Tag an der Front im Einsatz: „Aber der gehört zu den schlimmsten Tagen meines Lebens", sagt Karl Lohr (89) aus Welcherod. „Um mich rum sind die Kumpels reihenweise umgefallen." Gerade 17-jährig wurde der Welcheröder 1943 eingezogen und in Utrecht von Kanadiern festgenommen. Schließlich geriet er in englische Kriegsgefangenschaft. „Ich konnte es in Kriegsgefangenschaft nicht besser haben", erzählt Lohr. Er hat in England eine Freundschaft fürs Leben geschlossen - und die hält bis heute.

Karl Lohr lebte zusammen mit 3000 Menschen in einem Lager in Leicester. Vier lange Jahre. „Zunächst in Zelten, später wurden Baracken gebaut“, erinnert er sich. Eingeteilt in Arbeitskommandos war der Welcheröder unter anderem in einer Ziegelei und im Kanalbau beschäftigt.

„In einer Arbeitsgruppe haben wir zusammen Splitterschutz-Bunker abgerissen. Dabei sind wir auch mit der Bevölkerung in Kontakt gekommen“, erzählt der 89-Jährige. „Die Engländer haben uns mit Zigaretten und Klamotten versorgt.“

Der Welcheröder knüpfte Kontakte, lernte einen Student kennen, der dolmetschte. Und so fügte es sich, dass „Karl, der Große mit der blauen Mütze“ in ein Ein-Mann-Kommando eingeteilt wurde: in einem Warenverteil-Lager. „Mein Chef, Mister Wait, nahm mich zum Mittagessen mit nach Hause. Ich lernte Frau und Kinder kennen und wurde mit allem versorgt, was ich brauchte“, erzählt Lohr mit Tränen in den Augen.

Wait habe der Lagerleitung sogar mitgeteilt, dass er ihn länger am Abend brauche: „Natürlich nicht nur zum Arbeiten. Wir waren beim Wrestling und beim Cricket. Die Familie hat mich behandelt wie einen eigenen Sohn.“ Erlaubt sei das nicht gewesen, die Familie aber erfinderisch: Sie besorgten Karl einen Zivilanzug, so dass er nicht mehr als Gefangener zu erkennen war.

1948 wurde Karl Lohr entlassen. Den Kontakt mit den Waits, mit Tochter June, hat der Welcheröder gehalten, alle Briefe und Fotos fein säuberlich aufgehoben. Die Freundschaft hat Jahrzehnte überdauert. Lohr hat geheiratet, Kinder wurden geboren, Enkelkinder, Urenkel. Neun Mal war der 89-Jährige zu Besuch, es gab vier Gegenbesuche. Heute kommuniziert er mit den Nachkommen via Email. Im Dezember feiert der Welcheröder 90. Geburtstag. Eine Einladung hat er nach England geschickt: „Und sie wollen kommen - ich freue mich riesig.“

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

Kommentare