Dr. Katrin Scheiding: "Für die Karriere sind Kinder Gift"

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Korrigiert als selbstständige Lektorin (elektronische) Bücher, Abschlussarbeiten und Werbetexte: Dr. Katrin Scheiding an ihrem Arbeitsplatz im Pfarrhaus Ehringen. Foto: Pflug

Wolfhager Land. Immer mehr Menschen im Wolfhager Land machen sich Hilfe der Agentur für Arbeit selbstständig. In der vergangenen Woche stellten wir Björn Thiel und sein Dienstleistungsunternehmen vor. Einen anderen Weg in die Selbständigkeit ist Dr. Katrin Scheiding gegangen.

„Für die Karriere sind Kinder Gift, wenn ich es mit einem Wort benennen sollte“, sagt Dr. Katrin Scheiding. Nach Elternzeit und Umzug nach Ehringen, wollte die Lektorin wieder in ihren alten Beruf einsteigen, fand aber keine Festanstellung. Nicht ganz freiwillig machte sie sich daher 2013 selbstständig.

„Als wir noch in Kassel gewohnt haben, habe ich bei einem Verlag in Göttingen gearbeitet und bin gependelt. Aber nach dem Umzug und mit zwei kleinen Kindern war das nicht mehr möglich“, sagt Scheiding. Die Suche nach einer neuen Anstellung gestaltete sich allerdings schwierig - auch weil sie Frau und Mutter sei. In Deutschland heiße es oft Kinder und Karriere seien gut vereinbar, in der Praxis sehe es aber oft ganz anderes aus. „Ich kann die Arbeitgeber da aber schon verstehen, ich kann eben keine Überstunden machen oder regelmäßig am Wochenende arbeiten. Andererseits kann ich auch nichts für meine biologische Ausstattung.“

In vielen Fällen schienen die Arbeitgeber ihr auch gar nicht zu glauben, wenn sie sagte man bekomme Beruf und Kinder unter einen Hut. Müttern in ähnlicher Situation rät sie daher die Kindern nicht im Lebenslauf anzugeben, „dann sind die Chancen höher, zum Gespräch eingeladen zu werden“. Viele Menschen hätten gar nicht auf dem Schirm, dass auch Väter sich kümmern. Dabei teile sie sich die Erziehungsaufgaben mit ihrem Mann. „Ohne ihn und seinen krisensicheren Job hätte ich auch den Sprung in die Selbstständigkeit nicht gewagt“, sagt die 36-Jährige. Kai Scheiding ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinden Ehringen und Viesebeck.

„Selbstständigkeit war eigentlich nie mein Traum“, sagt Scheiding, „ich mag aber die Flexibilität“. Während ihre Kinder vormittags im Kindergarten gegenüber sind oder wenn sie abends schlafen, prüft sie Bücher und Abschlussarbeiten auf Fehler. Aber die Selbständigkeit hat nicht nur Vorteile. „Ich ziehe die Sicherheit einer Festanstellung vor, aber ich wollte auch nicht arbeitslos sein“, sagt Scheiding. In Nordhessen gäbe es kaum Jobs in ihrem Berufsfeld. „Dafür hätte ich im Raum Düsseldorf/Köln/Bonn bleiben sollen“, erklärt Scheiding, „aber da kam mir die Liebe dazwischen“.

Den Zuschuss für Existenzgründer der Agentur für Arbeit nahm sie nicht in Anspruch. „Ich habe sogar angefangen, den Businessplan zu schreiben, aber irgendwann aufgegben.“ Sie scheiterte an Standortanalyse und Finanzkostenplanung. „Ich hatte noch keine Kunden akquiriert und bei mir ist der Standort auch einfach egal.“ Nach einigen Monaten habe sie dann einen Nebenjob gefunden und zwischendurch kleinere Aufträge an Land ziehen können. Sie habe aber immer noch Bedenken gehabt, sich selbstständig zu machen. „Doch vor einem Jahr wurde mein Nebenjob wegrationalisiert. Das habe ich dann einfach mal als einen Tritt Gottes in meinen Allerwertesten erachtet und den Schritt gewagt.“

Von Michaela Pflug

Quelle: HNA

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