Bei den Frielendorfer Bibeltagen wurde an die Ermordung von Hephata-Bewohnern erinnert

Kaum einer stemmte sich dagegen

Blick auf das Haus Emmaus: Die Aufnahme zeigt den Blick auf den Hephata-Campus vom Turm der Hephata-Kirche. 1 Archivfoto: Grede/1 Foto: Rose  

Frielendorf. „Behinderte – ein Schatz der christlichen Gemeinde“: Unter dieser Überschrift stand ein Gespräch bei den Frielendorfer Bibeltagen im Dietrich-Bonhoeffer-Haus. Es ist die bereits dritte Reihe, das Oberthema lautet dieses Mal: „.. und erlöse uns von dem Bösen – Motive des Widerstands.“

Das Thema Ausgrenzung sei stets aktuell und nicht etwa nur ein Phänomen jener Zeit, unterstrich Christian Hilmes (siehe Text rechts). „Aber am Begriff der Euthanasie lässt sich buchstabieren, was es heißt“, erklärte Hilmes. (Anmerkung: Euthanasie, griechisch leichter/schöner Tod, Bezeichnung der systematischen Morde insbesondere an körperlich und geistig behinderten Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus).

Bereits im 19. Jahrhundert habe es Diskussionen gegeben „lebensunwertes Leben auszulöschen“. Dies habe sich der Nationalsozialismus zunutze gemacht. Dabei sei jeder Mensch im Grundsatz ein Geschöpf Gottes.

Menschen zu kasernieren, abzuschieben, habe auch wirtschaftliche Aspekte gehabt. Friedrich Happich, der damalige Direktor Hephatas, habe einmal gesagt: „Ich brauche die Behinderten, um die Wirtschaftlichkeit zu garantieren.“ Happich habe es nicht verhindert, dass Busse vorfuhren und Bewohner verluden – „und in eins der vier Tötungslager brachten“. Das habe zu Kriegszeiten den praktischen Hintergrund gehabt, dass so große Einrichtungen als Lazarette gebraucht wurden.

Hintergrund war die „T4-Aktion“ Hitlers, bei der in den Jahren 1940 und 1941 über 70 000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen umgebracht wurden. In Hephata seien Bewohner bereits zwischen 1937 und 1939 abgeholt worden. „Das war quasi der Probelauf“, ergänzte der heutige Direktor Peter Göbel-Braun.

Nach Tarnverlegungen wurden die Menschen dann in Hadamar systematisch getötet. „Das wurde in Briefen vertuscht. Es gingen Mitteilungen an die Angehörigen raus, dass dort ihr Verwandter „zum großem Bedauern“ an Grippe verstorben sei“, erläutert Hilmes. Etwa 385 Hephata-Bewohner wurden in Nazi-Deutschland ermordet, heißt es auf www.hephata.de.

Er selbst habe als Kind den Vater nach Hephata begleitet und dort eine wichtige Begegnung gehabt, berichtete Christian Hilmes: „Ich sah einen Behinderten, der zusammengekrümmt in einem Bett lag. Ein Mitarbeiter ermutigte mich, ihn zu berühren, was ich mit Widerwillen auch tat. Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Und ich sah, dass er ein Mensch war.“ Den Zuhörern gab er mit auf den Weg: „Heute wird der Mensch nicht als Mensch, sondern als Wirtschaftsfaktor gesehen. Darüber lohnt es sich, nachzudenken.“

• Nächster Termin der Frielendorfer Bibeltage, der Reihe des Evangelischem Forums, der Kirchengemeinde und des Kirchenkreises: 9. April, 19 Uhr, Bonhoeffer-Haus Frielendorf. Vortrag von Prof. Dr. Wilfried Härle, „Wie kam das Böse in Gottes gute Schöpfung?“.

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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