Borkener Anwalt findet das absurd

Keine Chance auf Gnade: 54-Jähriger muss trotz erfüllter Auflagen ins Gefängnis

Borken. Rechtsanwalt Dr. Ullrich Laabs aus Borken hat in seinem Berufsleben einiges erlebt. Dieser Fall sei jedoch besonders absurd. Sein Mandant hat alle Bewärungsauflagen erfüllt - und soll trotzdem ins Gefängnis.

Den Glauben an diese Welt hat er am 1. Februar 2015 verloren. Der Ingenieur fährt auf seinem Trimmrad, als die Polizei im Flur steht und sagt, er sollte sich auf seine Haftstrafe vorbereiten. „Mir sind alle möglichen Gedanken in den Kopf gekommen, aber bestimmt nicht, dass ich meine Bewährungsauflagen nicht erfüllt habe“, sagt der Familienvater, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

„Da hat das Unglück seinen Lauf genommen“, sagt sein Anwalt Dr. Ullrich Laabs. Am Mittwoch soll sein Mandant aus dem Landreis die Haftstrafe antreten: 15 Monate offener Vollzug in Baunatal.

Laabs ist seit 20 Jahren selbstständiger Rechtsanwalt. Er hat viel erlebt in der Zeit. „Manchmal versteht man die Urteile, manchmal nicht. Aber dieser Fall ragt an Absurdität heraus“, erklärt der Jurist.

Was ist passiert? 2007 ist das Bauunternehmen des Ingenieurs insolvent, 2013 wird der Mann zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er erhält die Auflage, die Schulden zu begleichen. Er regelt die Rückzahlung mit den Gläubigern und dem Obergerichtsvollzieher. „Alles wurde abgebucht, ich hatte keine Zweifel“, sagt der 54-Jährige.

Die Staatsanwaltschaft bekommt von den Zahlungen offenbar nichts mit. „Es muss eine Kommunikationspanne zwischen der Staatsanwaltschaft und dem Obergerichtsvollzieher gegeben haben“, erklärt Laabs.

Die Folge: Die Staatsanwaltschaft fordert den 54-Jährigen schriftlich auf, seine Gläubiger zu bedienen. Es gibt einen ersten Brief, es gibt einen zweiten. Der Ton wird rauer. Es gibt eine dritte und eine vierte Nachricht. Der Ingenieur erhält keine davon.

Wie sich laut Dr. Laabs später herausstellt, hat die Gattin die Post entgegen genommen und verschwinden lassen. „Sie war mit der Situation überfordert“, erklärt Laabs.

Der Verurteilte weiß nicht, was ihm droht. Bis zu jenem Sonntagmorgen im Februar. Die Bewährung wird widerrufen. Der Ingenieur soll ins Gefängnis.

Binnen drei Tagen begleicht er alle Schulden. Der 54-Jährige wechselt den Anwalt und kommt zu Laabs. „Wir haben alles in Bewegung gesetzt“, erinnert sich der Jurist. Sie bemühen sämtliche Rechtsmittel, legen Beschwerden ein. Ohne Erfolg. Alle Einwände werden abgelehnt.

Das letzte Mittel 

Als letztes Mittel setzt Laabs ein Gnadengesuch ab. Es geht um die Bitte, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Laabs erklärt, warum sein Mandant keine Haftstrafe antreteten kann. Dieser arbeitet von 7 bis 19 Uhr, kümmert sich um seine pflegebedürftige Schwiegermutter und seine Frau, die unter den Folgen einer Krebserkrankung leidet.

Doch das Gnadengesuch wird abgelehnt. Der Ingenieur soll ins Gefängnis. Laabs kann es nicht fassen. Sein Mandat habe alle Auflagen erfüllt. „Es besteht kein Anlass, ihn zu inhaftieren. Das ist unverhältnismäßig.“ Laabs macht weiter, legt eine Beschwerde gegen die Ablehnung ein. Die Entscheidung steht noch aus.

Das sagt die Staatsanwältin 

Die Staatsanwaltschaft Kassel äußert sich auf HNA-Anfrage nicht zu dem Fall. Zu laufenden Strafvollstreckungen werden keine Angaben gemacht, sagt die stellvertretende Pressesprecherin Kerstin Nedwed. Post von der Staatsanwaltschaft werde mit einer Zustellungsurkunde zugestellt. Sie dokumentiert, dass das Schreiben in den Briefkasten geworfen bzw. abgegeben wurde. Es besteht keine Vorschrift, wonach der Adressat die Schreiben persönlich in Empfang nehmen muss.

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © dpa

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