800 Jahre alte Linde in Niedenstein war nicht nur Gerichtslinde: Bühne im Innern

Keine Tänze mehr im Baum

Die Niedensteiner Linde ist sicher der einzige Tanz-Baum im Landkreis, um den nicht herum, sondern in dem getanzt wurde. Das mächtige Naturdenkmal stammt vermutlich aus der Gründungszeit der Stadt, sagt Geschichtskenner Horst Eubel. Das heißt, dass der Baum zwischen 700 und 800 Jahre alt ist. Die Niedensteiner hüten und hegen ihr Wahrzeichen. Die ausladenden Stämme des Baums ermöglichten es, dass eine Bühne quasi im Herzen des Baums errichtet werden konnte.

„In der ersten Zeit dürfte die Linde als Gerichtsort für Verhandlungen des Stadtgerichts gedient haben“, sagt Eubel. Für diese Annahme sprechen der Standort, etwa 40 Meter vor dem unteren Stadttor, und die Parallele zu den Gepflogenheiten in anderen Städten.

Nachweislich diente der Baum aber später als Tanzlinde. Der kurze mächtige Stumpf, der eigentlich aus drei knorrigen Stämmen besteht, verzweigt sich in einer Höhe von ein bis zwei Metern in sechs kräftige, zum Teil fast horizontal gewachsene Äste.

„Dieser außergewöhnliche Wuchs führte zu besagter Besonderheit. Es wurde nicht wie allgemein üblich unter, sondern in der Linde getanzt“, sagt Eubel.

Tische und Bänke am Baum

Zu diesem Zweck war für die Musikanten und Tänzer ein Tanzboden in das Geäst der Linde eingebaut, der zusätzlich von starken Holzstützen getragen wurde. Wie die historische Aufnahme aus dem Jahre 1906 zeigt, führte rechts eine Treppe hinauf und ein Geländer sicherte den Tanzboden. Durch die Mitte des Bodens ragte ein starker Ast, der von einem Tisch und Bänken umgeben war.

Die letzte Instandsetzung des Tanzbodens ist aus dem Jahr 1890 dokumentiert.

„Die Linde hat über Jahrhunderte Kriege und Stürme überstanden“, sagt Eubel. Um ihren Fortbestand weiter zu sichern, werde die Linde jährlich von einem Baumgutachter untersucht. Die starken Äste sind mit einem Gurtsystem gesichert. Auch dieses wird jährlich auf seine Sicherheit geprüft.

Bis zum 1. Weltkrieg wurde zwar noch in der Linde getanzt, dann zogen die Niedenstein in den Saal des Gasthaus Zur Altenburg um. Dort sei es wohl um einiges komfortabler gewesen, sagt Eubel. Ob es ein Abschiedsfest gegeben hat oder wann genau das letzte Mal dort getanzt wurde, ist nicht überliefert, sagt Horst Eubel.

An den alten Tanzboden erinnert nichts mehr. Leider. Aber eine Tafel, die zur 750-Jahrfeier (2004) angebracht wurde, gibt Auskunft über die Geschichte des Niedensteiner Wahrzeichens, das über Jahrhunderte einer der ungewöhnlichsten Orte zum Tanzen im Landkreis war.

Der Baum steht vor dem alten Stadttor an der Hauptstraße/An der Linde.

Von Damai D. Dewert

Quelle: HNA

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