Ehepaar aus Hülsa kämpft seit 20 Jahren gegen Schulpflicht

Kinder zu Hause unterrichtet: 700 Euro Geldstrafe für Eltern

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Homberg. Ein Ehepaar aus Hülsa (Schwalm-Eder-Kreis) kämpft seit 20 Jahren gegen die Schulpflicht. Weil die 51- und 47-Jahre alten Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten, wird nun eine Geldstrafe fällig.

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Zum dritten Mal wurde am Mittwoch im Amtsgericht Fritzlar das Ehepaar Thomas und Marit Schaum aus Hülsa zu einer Geldstrafe verurteilt, weil es seine Kinder nicht zur Schule schickt. Seit 20 Jahren unterrichten die Eltern ihre Kinder zu Hause. Zur Anklage kam der Tatzeitraum seit der letzten Strafe im Februar 2012.

Richterin Marion Riechers befand die Angeklagten in drei Fällen der Entziehung der Schulpflicht für schuldig und verurteilte sie zu einer Gesamtgeldstrafe von 140 Tagessätzen zu je fünf Euro.

Das sagt Tochter Debora

Tochter Debora Schaum steht hinter ihren Eltern: „Ich finde es sehr gut von meinen Eltern, dass sie den Mut hatten, immer wieder vor Gericht zu ziehen und sich zu verantworten“, sagte die 25-Jährige. Sie würde ihre Kinder später gerne genauso aufziehen, in anderen Ländern sei der Unterricht zu Hause erlaubt.

Seit letztem Jahr ist sie ausgebildete Verwaltungsfachangestellte und arbeitet im Homberger Rathaus. Wegen guter Leistungen erhält sie ein Stipendium und besucht einen Fachwirtlehrgang zur Weiterbildung.

Sie wertete das Geständnis der Angeklagten, die Gewissensgründe, das ungefährdete Kindeswohl und die guten Abschlüsse der Kinder als strafmindernd. Strafverschärfend seien die zwei Vorstrafen und der lange Entzug der Schulpflicht. Es sei fraglich, ob die Kinder nicht Abitur an einer Schule hätten machen können. Außerdem gehe es bei der Schulpflicht um den staatlichen Erziehungsauftrag, dabei sei nicht nur die Vermittlung von Wissen wichtig. Für eine Demokratie sei auch das Erlernen von Toleranz nötig, das in einer Schulklasse durch die Auseinandersetzung mit fremden Meinungen gefördert wird.

Beide Angeklagten legten Rechtsmittel ein, es wird also neu verhandelt werden vor dem Landgericht.

Von den neun Kindern haben inzwischen fünf einen Haupt- oder Realschulabschluss abgelegt, alle mit guten und sehr guten Zeugnissen. Trotz der guten Ausbildungskarrieren hatte das Schulamt das Entziehen der Schulpflicht für drei schulpflichtige Kinder des Paares erneut angezeigt.

So argumentierten Staatsanwalt und Verteidiger

Aus Sicht des Staatsanwalt es sind die Eltern Wiederholungstäter. Auch wenn sie religiöse Gründe und Gewissensgründe für ihre Taten hätten und das Kindeswohl nicht gefährdet sei, was sich alles strafmindernd auswirke, sei der Tatzeitraum seit dem Jahr 2000 bis heute sehr lang. Wer sich so hartnäckig und rigoros weigere, das Gesetz zu befolgen, müsse zu einer Freiheitsstrafe, vielleicht sogar mit ausgesetzter Bewährung verurteilt werden, sagte der Staatsanwalt. Er forderte die Höchststrafe von sechs Monaten.

Die Rechtsanwälte der Angeklagten beriefen sich auf den Grundsatz, dass man für ein- und dieselbe Tat nicht mehrfach verurteilt werden darf. Eine Freiheitsstrafe werde die Eltern zudem nicht von ihrer Überzeugung abbringen und weitere Taten verhindern, stellte Rechtsanwalt Andreas Voigt fest. Der Sinn einer Strafe sei sowieso in diesem Fall unklar.

Verteidigerin Annette Bommhardt gab zu bedenken, das eine Gefängnisstrafe der Eltern eher die Kinder bestrafe als die Eltern - das könne nicht im Sinne des Gerichts sein.

Eine Mitarbeiterin des Schulamtes sagte als Zeugin aus, dass ihr Amt bei Entziehung der Schulpflicht verpflichtet sei, einen Strafantrag zu stellen. Das geschehe in enger Absprache zwischen Schulamt und Kultusministerium. Das Schulamt ermögliche den Kindern trotz der Hausbeschulung, einen staatlich anerkannten Schulabschluss zu machen, wenn sie für das letzte Schuljahr die Schule besuchten.

Die Eltern begründen die Unterrichtung ihrer Kinder zu Hause mit Glaubens- und Gewissensgründen. Sie könnten es als Christen nicht verantworten, ihre Kinder in fremde Hände und in ein solches Klima zu geben, wie es in vielen Schulen herrsche.

Das Jugendamt hatte die Familie bereits im Jahr 2009 unter die Lupe genommen und war zu dem Schluss gekommen, dass das Kindeswohl in keinem Fall gefährdet sei und die Familie in geordneten häuslichen und familiären Verhältnissen lebe.

Die Eltern seien beide gebildet und unterrichteten die Kinder zu regelmäßigen Tageszeiten, orientiert an den Schul-Lehrplänen. Sie wollten den Kindern nichts vorenthalten, lediglich selbst bestimmen, zu welchem Zeitpunkt beispielsweise Sexualaufklärung altersentsprechend sei. Die Familie lebe gut integriert in Hülsa, die Kinder machten einen offenen und selbstbewussten Eindruck.

Richterin Riechers verlas während der Verhandlung einen Brief des Jugendamtes an das Schulamt, in dem zum Ausdruck kam, dass beide Ämter überein gekommen seien, die Eltern nicht weiter kriminalisieren zu wollen.

Von Bettina Mangold

Quelle: HNA

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