Phänomen auch im Schwalm-Eder-Kreis angekommen

Kinderehen: Die Dunkelziffer in der Region ist vermutlich hoch

Schwalm-Eder-Kreis: Mit dem Zuzug von Flüchtlingen ist das Phänomen der Kinderehe seit spätestens Mitte 2016 auch in der Region angekommen.

Im Schwalm-Eder-Kreis sind laut Jugendamt seit vorigem Jahr erstmals zwei Fälle von Ehen bekannt, in denen die Partnerin minderjährig nach dem Staatsrecht ihres Heimatlandes heiratete.

Die beiden jungen Frauen kamen als Flüchtlinge in den Landkreis und sind heute beide 17 Jahre alt, berichtete Jugendamtsleiterin Karin Wagner weiter. Sie waren bei ihrer Einreise 16 oder älter. „Das Jugendamt wird tätig, wenn die Flüchtlingsbetreuungsstelle uns einen Fall anzeigt“, erklärte die Leiterin. Statistisch erfasst würden solche Ehen aber nicht.

Der Ausländerbehörde des Schwalm-Eder-Kreises sind keine solche Fälle bekannt. Sie würde aber auch nicht automatisch Kenntnis von solchen Kinderehen erhalten. Ehen, die nur von einem Imam geschlossen wurden, haben in Deutschland keinen rechtlichen Bestand.

In Kassel sind vier Fälle von Kinderehen bekannt. Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen vermutet aber eine hohe Dunkelziffer. Die Verwandtschaftsverhältnisse seien schwer zu klären, da es an Dokumenten fehle.

Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann kämpft seit Sommer 2016 für ein Verbot von Kinderehen. Die deutschen Regelungen sollten kritisch überprüft werden. Ihr Ziel: Heiraten soll erst ab 18 Jahren erlaubt sein. Zurzeit kann man in Deutschland mit Zustimmung des Familiengerichts bereits mit 16 Jahren eine Ehe eingehen.

Nach derzeitiger Rechtslage dürfen Kinder im Alter unter 16 Jahren in Deutschland nicht heiraten. Die Ehen von minderjährigen Flüchtlingen, die im Ausland geschlossen wurden, sind aber dennoch gültig. Keinen Bestand könnten jedoch Eheschließungen haben, wenn Kinder unter 14 Jahre alt sind. Aber auch dann sei die Ehe nicht automatisch ungültig, sagte der Kasseler OB Hilgen.

In Deutschland ist die Eheschließung mit Minderjährigen keineswegs Praxis. So gibt es den Kulturverein Schwalmstadt seit 2008, in dieser Zeit wurden keine muslimischen Eheschließungen mit unter 18-Jährigen geschlossen, sagte Vorstandsmitglied Köroglu Gün auf HNA-Anfrage.

Auch Emrullah Kara von der türkischen Gemeinde Ditib in Melsungen wisse von keinem solchen Fall. In Deutschland dürfe ein Imam ein Paar nur trauen, wenn diese bereits nach deutschem Recht standesamtlich geheiratet hätte. Im Ausland sei dies anders, aber diese Ehen hätten in Deutschland keinen Bestand. Die Gemeinde lehne solche Kinderehen entschieden ab, sagte Kara.

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Quelle: HNA

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