Erst seit 50 Jahren wieder Gottesdienste

Wagenfurth: Die Kirche war ein Hühnerstall

Klein, aber oho: Pfarrer Heinz-Ulrich Schmidt-Ropertz und Kirchenältester Wolfgang Lanzenberger (von links) vor der Wagenfurther Kirche. Fotos: Féaux de Lacroix

Wagenfurth. Sie ist der Mittelpunkt von Wagenfurth: die kleine Fachwerkkirche. Schwer vorstellbar, dass sie ein Jahrhundert lang nur als Hühnerstall und Spritzenhaus der Feuerwehr genutzt wurde.

Erst im Herbst 1964, also vor genau 50 Jahren, wurde die Kirche erneut eingeweiht - und seitdem feiern die Dorfbewohner dort auch wieder Gottesdienste.

Das verdanken die Wagenfurther unter anderem dem damaligen Pfarrer Hermann Steckert. „Er hat erkannt, was diese Kirche für ein Kleinod ist“, sagt der heutige Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Körle, Heinz-Ulrich Schmidt-Ropertz. Steckert machte sich dafür stark, dass die Kirche wieder hergerichtet wurde. 29.000 D-Mark kostete die Renovierung.

Es gab einiges zu tun: Schließlich war die Kirche schon 1863 wegen ihres schlechten Zustands für den Gottesdienstbetrieb geschlossen worden - und seitdem immer weiter verfallen. Später wurde eine Scheune direkt vor die Kirche gebaut und verdeckte den Blick auf das Gotteshaus - die Scheune wurde erst 1962 wieder abgerissen, so dass die Kirche wieder gut sichtbar war.

Zwischenzeitlich wurde darüber nachgedacht, die Kirche auf den Friedhof zu stellen und dort als Friedhofskapelle zu nutzen. Letztlich konnte die Kirche dann aber doch an ihrem Platz in der Ortsmitte bleiben.

Und dort gehört sie auch hin, findet Wolfgang Lanzenberger: „Man muss die Kirche im Dorf lassen.“ Lanzenberger gehört zu Körles Kirchenältesten und wohnt gegenüber von der Wagenfurther Kirche. Und so hatte er auch ein Auge auf die Kirche, als diese Ende der 1990er Jahre erneut renoviert werden musste - die Kosten beliefen sich auf 330.000 D-Mark. Es wird sicherlich nicht die letzte Sanierung gewesen sein: Die Kirche ist mehr als 500 Jahre alt, da bröckelt es immer mal wieder an der einen oder anderen Stelle.

Doch der Aufwand lohnt sich, findet Pfarrer Schmidt-Ropertz. „Die Gottesdienste in dieser Kirche sind immer etwas Besonderes“, sagt er. Nur 29 Stühle stehen in dem etwa 30 Quadratmeter kleinen Kirchenraum. „Das ist wie ein Wohnzimmer“, erklärt Schmidt-Ropertz. Pfarrer und Gottesdienstbesucher seien einander dort viel näher: „Das ist die einzige Kirche, in der mir die Leute in meine Predigt reinreden“, sagt er und lacht. Bei Konfirmationen und Hochzeiten platzt die Kirche aus allen Nähten: Dann müssen die meisten Besucher stehen - und das nicht nur in der Kirche, sondern auch draußen auf dem Dorfplatz, weil der Platz sonst nicht reicht.

Gottesdienst wird in der Kirche zwar nur einmal im Monat gefeiert, aber für Besucher ist das Gebäude täglich geöffnet. Viele vorbeiradelnde Touristen nutzen die Gelegenheit, einen Blick in die Kirche zu werfen. Wie gut sie ihnen gefällt, zeigt ein Eintrag ins Kirchen-Gästebuch von Betsy Ward aus Colorado, USA: „Danke, dass ihr eure Türen für ein amerikanisches Mädchen geöffnet und ihr einen Platz zum Träumen gegeben habt.“

Von Judith Féaux de Lacroix

Quelle: HNA

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