"Nennen sie mich nicht Obdachloser. Das ist eine Beleidigung."

Klaus Möller lebte auf der Straße, jetzt hat er sein Leben im Griff

Zufrieden: Klaus Möller hat sich unter anderem mit Unterstützung des Diakonischen Werkes wieder im Leben eingerichtet. Fotos: Yüce

Fritzlar. Von jetzt auf gleich saß Klaus Möller auf der Straße: Sein Vermieter hatte ihn vor die Tür gesetzt. Die Wohnung abgeschlossen - es gab kein Zurück. „Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt er und erinnert sich an die schlimmste Zeit in seinem Leben, die ihn letztlich aber zu einem zufriedenen Mann gemacht habe.

Seinen Namen könnten wir ruhig nennen, sagt er. Er schäme sich nicht. Ganz im Gegenteil. „Nur nennen Sie mich nicht Obdachloser. Das ist eine Beleidigung. Das klingt wie Rumtreiber, einer, der nichts tun will“, sagt er und beginnt aus seinem Leben zu erzählen.

„Ich war arbeitslos, alle meine Sachen hatte ich in der Wohnung und da konnte ich nicht mehr rein.“ Hilflos habe er sich gefühlt. „Ich wusste nicht wohin ich gehen soll. Eigentlich hatte ich immer etwas Geld in der Hosentasche - und wenn es Groschen waren. Plötzlich war da nichts mehr.“

Drei Tage lebte Klaus Möller dann auf der Straße. „Nachts habe ich in der Betonbushaltestelle an der Drehscheibe in Homberg gelegen.“ Es waren nass-kühle Oktobertage an der Null-Grad-Grenze. „Das war knallhart. Manchmal habe ich in einer Spielothek einen Kaffee bekommen. Bekannte steckten mir mal etwas Geld zu“, sagt er. Gereicht habe das aber nicht, um über die Runden zu kommen. Und schon gar nicht, um in ein Hotel zu gehen. Schnell sei ihm klar geworden, dass er etwas an seiner Situation verändern muss. „Den Winter hätte ich auf der Straße nicht überlebt.“

Zum Glück gebe es so etwas wie einen Zusammenhalt auf der Straße. Ein Kumpel von der Bushaltestelle gab ihm den Tipp, sich bei der Diakonie in Homberg zu melden. „Die haben mir sofort geholfen“, sagt er und lächelt. Es ist ein dankbares Lächeln. Denn ab diesem Tag ging es wieder bergauf. Langsam.

Drei Wochen kam er in der Malsfelder Tagesstätte des Diakonischen Werkes unter. Dann überwinterte er im Blechcontainer der Diakonie in Fritzlar. „Eine Wohnung wollte mir niemand geben“, sagt Klaus Möller. Er habe halt eine schlechte Schuldnerauskunft, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Damit nimmt einen kein Vermieter“, sagt er. Wieder fühlte er sich wie in einer Sackgasse.

Schließlich ein Lichtblick: Ihm wurde eine Wohnung angeboten, von der Diakonie gemietet. „Da habe ich meine neue Frau kennengelernt“, sagt Klaus Möller. „Das war ein großes Glück.“

Leben jetzt zusammen: Klaus Möller und seine Freundin Lydia. Gemeinsam seien sie stärker, sagt er.

Bald schon machten sie sich auf die Suche nach einer größeren Wohnung. „Das hat wieder nur mit Hilfe der Diakonie und der Berberitze geklappt“, sagt Klaus Möller. Denn die Wohnungen in Fritzlar seien knapp und teuer. „Eigentlich gibt es da für uns nichts.“ Doch wieder hatte er Glück: „Unsere Vermieterin kannte mich“, sagt er. Sie habe ihn als ehemaligen Dachdecker in guter Erinnerung gehabt. Da war die Schufa-Auskunft schnell nur noch zweitrangig.

20 Jahre hat er in seinem Beruf gearbeitet, dann zog er sich eine Knieverletzung zu. Mit der hat er noch immer zu kämpfen. Zuletzt arbeitete der heute 65-Jährige in Borken an einer Tankstelle als Aushilfskraft. „Seit 2003 bin ich arbeitslos“, sagt er. Nach und nach sei es mit ihm bergab gegangen. „Und zum Glück auch wieder bergauf.“

Gemeinsam lebt das Paar jetzt in Fritzlar. „Uns geht es wieder gut. Wir kommen klar.“ Er werde alles dafür tun, nicht wieder so abzurutschen, sagt er und atmet tief durch. „Ich bin stolz, dass ich da rausgekommen bin. Schreiben Sie ruhig meinen Namen. Ich hab es nämlich geschafft. Nennen Sie mich nur nicht Obdachloser“, sagt er dann erneut.

Von Maja Yüce

Quelle: HNA

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