Film, Krimilesung und Lieder im Gestüt – Ein Abend zwischen Behagen und Schaudern

Film, Krimilesung und Lieder im Gestüt: Kopfkino im Pferdestall

Texte und Musik im Pferdestall: von links Tenor Theodor Hoffmeyer, Pianistin Roswitha Aulenkamp und Horst Seidenfaden. Foto: Quehl

Ziegenhain - Für die Pianistin Roswitha Aulenkamp ist es der vielleicht schönste Ort in ihrem Heimatstädtchen, für Horst Seidenfaden war es die „erste Lesung am Polarkreis":

Durch knirschenden Schnee stapften am Freitag Zuhörer ins Gestüt Ziegenhain undlauschten warm eingemummelt im abgedunkelten Pferdestall Texten und Liedern.

Es kann die Atmosphäre der weihnachtlichen Krippe, der Geruch, das gelegentliche Schnauben und Klopfen der Pferde in ihren Boxen gewesen sein. Oder war es das warme Licht der Leselampe und der Kerzen, die das Publikum bisweilen hingegeben zuhören ließ?

Krimiautor Seidenfaden zog die Zuhörer mit Passagen aus seinem neuesten Buch „Die Akte Tristan“ mühelos in seine Geschichte um einen großbürgerlichen jungen Mann in Diensten der SA, Schauplatz ist das Kassel des Jahres 1933. Derselbe Mann erzählt seine Geschichte als hochbetagter aber hellwacher Mensch in einem Kasseler Seniorenstift von heute. Kopfkino versprach der HNA-Chefredakteur, und wer wollte, erlebte im schummrigen Stall filmisch genaue Szenen in einer vergangenen Kulisse, dem alten Kassel vor der Zerstörung in den Bombenächten des Zweiten Weltkriegs. Dazu hatte Seidenfaden eingangs eine Dokumentation von HNA-Redakteur Andreas Berger gezeigt, in dem die einzigen erhaltenen bewegten Bilder aus der Stadt vor der Zerstörung zu sehen sind.

In den Lesepausen sang Tenor Theodor Hoffmeyer launig überzeichnet den Kriminaltango von Hazy Osterwald und Brechts Mackie Messer, begleitet am E-Piano von seiner Lebensgefährtin Roswitha Aulenkamp. Sie spielte zum Schluss eine Klavierbearbeitung aus Richard Wagners Tristan und Isolde, ein gewagter musikalischer Brückenschlag zum Buchtitel und der abgründigen Handlung. Innig-versunken interpretierte sie Isoldes Liebestod. Die anhebende Nervosität der Pferde bei den anschwellenden Passagen und die Gebanntheit des Publikums in diesem sehr ungewöhnlichen Kulturrahmen ergaben eine wirklich außergewöhnliche Melange. Eben Kopfkino, dass einem wohlig schauderte.

Der gemäß der Lokalität überschaubare Kreis von 80 Zuhörern ließ sich auf die Gedankenreise ein. Alle, die keine Karten mehr erhalten hatten, dürfen auf eine Wiederholung im Frühjahr hoffen, deutete die Pianistin an. Auf den Transport ihres Konzertflügels in den Stall musste sie verzichten. Die hohe Luftfeuchtigkeit in dem Raum hätte dem Instrument geschadet, so die Warnung eines Fachmanns. Ersatz war ein hochwertiges elektrisches Klavier. Das Publikum verschmerzte es, schließlich hörte und sah jeder seine eigene Version dessen, was die Musiker und der Autor vortrugen.

• Die DVD „Min ahles Kassel“ (4,95 Euro) und den Krimi „Die Akte Tristan“ (14,80 Euro) gibt es in den HNA-Geschäfststellen.

Quelle: HNA

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