Knochenmark rettete den Krebs-Patienten

Diagnose Blutkrebs: Engländerin rettete Klaus Brandt aus Fritzlar

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Sie verbindet viel seit 1990: Klaus Brandt, heute 78, und Lois Higginson (54), die drei Wochen nach ihrer Knochenmarkspende mit der Familie nach Australien ausgewandert war. Spenderin und Empfänger sahen sich jetzt zum dritten Mal.

Lohne. Im ersten Leben ist er 78 Jahre alt, im zweiten erst 26 Jahre. Das sagt Klaus Brandt aus dem Fritzlarer Stadtteil Lohne häufig. Denn fast wäre er 1990 gestorben.

Er fand seine Lebensretterin in England.

„Meine Chancen standen schlecht“, erinnert sich Brandt, denn seine Leukämieerkrankung, die 1988 festgestellt worden war, brach erneut aus. Und bei Menschen seines Alters - er war bereits 52 - wurden in Deutschland damals keine Knochenmarktransplantationen vorgenommen.

Seine unermüdliche Energie, der Wille nicht aufzugeben und nach Lösungen zu suchen, brachten ihn schließlich nach England, nach London zu einem Arzt, der sich was traute. Dort, im Nordwesten Englands, lebte die 28-jährige Lois Higginson, die in einem Uni-Labor arbeitete und davon gehört hatte, dass man sich typisieren lassen kann, um eventuell einem Todkranken spenden zu können.

„Meine Chancen standen schlecht.“

„Ich sprach mit den Kollegen und überzeugte sie, Blutproben an die englische Knochenmarkspender-Datei zu schicken“, erinnert sie sich. Als nach recht kurzer Zeit tatsächlich jemand von der Datei anrief, dachte sie zunächst an einen schlechten Scherz eines Kollegen.

Doch es stimmte: Sie kam als Spenderin in Frage. Es habe für sie nie einen Zweifel gegeben, dass sie dafür zur Verfügung stehe, sagt Lois heute im Rückblick.

Alles ging dann recht schnell, denn die Familie Higginson, Lois mit Ehemann Graham und den beiden Kindern, elf Monate und zwei Jahre alt, wollten auswandern - nach Australien.

Am 16. März 1990 schließlich erhielt Klaus Brandt die Spende: aus Lois‘ Beckenknochen wurde unter Narkose Knochenmark entnommen und ihm nach strenger Chemotherapie implantiert.

Als nach langen 32 Tagen feststand, dass sich neue Zellen gebildet hatten, war Familie Higginson bereits in ihrer neuen Heimat. Sie leben seit dem 31. März 1990 in Brisbane/Australien.

Über ein Jahr warten

Ein Jahr lang mussten Klaus und Lois warten, bis sie erfuhren, wer Spender und Empfänger gewesen war und wie es beiden ging. Und nach der schnellen Kontaktaufnahme waren es Klaus Brandt und seine Frau, die 1993 nach Australien reisten und die Higginsons besuchten.

Den Gegenbesuch gab es 2004, und in dieser Woche kamen Lois und Graham erneut nach Lohne zum Wiedersehen mit den Brandts während einer fünfwöchigen Europatour.

Warum sie sich damals hatte typisieren lassen? „Ich dachte, das ist etwas, was ich tun kann“, sagt sie. Und sie würde es jederzeit wieder machen.

Dass sie jemandem wie Klaus Brandt geholfen habe weiterzuleben, das habe ihr Leben reicher gemacht, sagt Lois.

„Ich bin privilegiert“, betont sie, „der Gedanke an die Spende lässt mich innerlich wärmer werden.“

Neben ihren Kindern und ihrem Mann seien Klaus und sein Schicksal bisher das Wichtigste in ihrem Leben, sagt die 54-Jährige. Klaus Brandt drückt ihr die Hand: Die Innigkeit ihrer Beziehung ist auch über die große Entfernung nicht weniger groß.

Spenderdatei war damals noch neu

Vieles hat sich in den fast 30 Jahren, seit Klaus Brandt an Leukämie erkrankt war, verändert, zugunsten der Patienten und der Spender.

• Mehr als drei Millionen Daten von möglichen Knochenmarkspendern sind heutzutage in der Deutschen Knochenmarkspender-Datei (DKMS) gespeichert, 1990 waren es knapp 40.000.

• Spender müssen heute nicht mehr unter Narkose am Knochen operiert werden, sondern ihnen wird Blut abgenommen.

• Auch in Deutschland werden heute über 50-Jährige behandelt, wenn es eine Chance auf Rettung gibt.

Übrigens: Klaus Brandt ist nach Recherchen von Lois Higginson weltweit der älteste überlebende Patient nach einer Knochenmarkspende einer Fremden.

Quelle: HNA

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