„Trauer ist nicht virtuell“

Hinterbliebene kritisiert Umgang mit dem Tod im Internet

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Abschied: Sandra Koch (Name von der Redaktion geändert) am Grab ihrer besten Freundin Anna in Fritzlar. Anna nahm sich vor einigen Wochen das Leben.

Fritzlar. Ein Selbstmord lässt die Hinterbliebenen hilflos zurück - mit vielen Fragen, Wut und Schuldgefühlen. Sandra Koch (Name von der Redaktion geändert) hat es erlebt.

Ihre beste Freundin Anna tötete sich vor wenigen Wochen.

Ihre letzten Worte veröffentlichte die Freundin im sozialen Netzwerk Facebook: „Game over." Sandra Koch ist sicher, „es war ein Hilferuf und ich konnte ihr nicht mehr helfen.“ Auf dem Weg zu dem Ort, an dem sie die Freundin vermutete, begegnete ihr bereits der Leichenwagen. „Da wusste ich, dass Anna nicht mehr lebt. Dass sie es getan hat.“ Es sei Zeit zu gehen, habe Anna immer wieder gesagt. Dieser Satz klinge nach.

Neben der Trauer um die Freundin, die ihr immer fehlen werde, habe sie sich auch schützen müssen. Vor den Reaktionen im Internet. Denn Annas letzte Worte sorgten im sozialen Netzwerk Facebook für Aufsehen. „Viele haben darauf reagiert. Wie viele es waren, weiß ich nicht, denn ich habe mich bei Facebook kurz nach Annas Selbstmord abgemeldet“, sagt sie. Ihre Familie und eine Psychologin hätten ihr dazu geraten. „Facebook ist nicht der richtige Ort, um zu trauern“, sagt Sandra Koch. „Wer Anna kannte weiß, wo sie beerdigt wurde und hat einen realen Ort für seine Trauer.“ Aus ihrer Sicht sind Facebook und Twitter nicht der angemessene Ort, um vom Tod eines geliebten Menschen zu erzählen. Denn solche Nachrichten erscheinen irgendwo zwischen sarkastischen Gags und albernen Videos. „Trauer ist nicht virtuell.“ So wolle sie sich nicht an Anna erinnern.

„Ich sehe ihr Lächeln und unsere wundervollen Momente vor mir. Und ich bin auch manchmal wütend auf sie“, sagt Sandra Koch. Denn sie hätten sich versprochen, immer füreinander da zu sein. „Wir wollten alles zusammen schaffen.“

Anna sei eigentlich ein Mordopfer - so empfindet es Sandra Koch. Denn der Vater von Anna habe deren geliebte Stiefmutter im Juni 2014 erschossen. Anna hatte die Verurteilung wegen Mordes gefordert. Die Anklage lautete auf Totschlag. Das hielt Anna für falsch. Darunter habe sie sehr gelitten, sagt Sandra Koch. Und auch darunter, dass ihr Vater diese grausame Tat verübt hatte. „Es fühlt sich so an, als sei sie das zweite Opfer ihres Vaters“, sagt Sandra Koch. „Anna hatte einfach keine Kraft mehr, den Prozess und all das auszuhalten.“

Kurz bevor sich Anna das Leben nahm, hatte Sandra Koch eine Nachricht auf ihr Handy von Anna erhalten: „Es sei Zeit zu gehen, ich solle mir keine Sorgen machen“, sagt Sandra Koch und liest die Nachricht vor. Ihre Stiefmutter warte auf sie.

„Wir waren wie Schwestern, wie Seelenverwandte“, sagt die 24-Jährige nach einer Weile. Sie sagt, sie fühle sich zurück gelassen. Dabei weiß sie, dass sie die Freundin nicht hätte von ihrem düsteren Plan abbringen können. Doch ist dieses Wissen noch nicht ganz in ihrem Bewusstsein angekommen. Ihre Familie und ihr Freund seien ihre eine große Hilfe dabei, die Trauer auszuhalten. „Sie fehlt mir jeden Tag.“ Doch davon steht nichts im Internet - man kann den Schmerz aber in ihren Augen lesen.  

Mittlerweile wurde Annas Vater verurteilt: Der 53-jährige Rolf W. aus Borken wurde wegen Totschlags zu 15 Jahren Haft verurteilt. So lautet das Urteil eines Chemnitzer Gerichts unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Anna hat dieses Urteil nicht mehr erlebt.

Sandra Koch hat ihre Wohnung aufgegeben und lebt jetzt in einem anderen Ort. Zu viel erinnerte sie an Anna.

Quelle: HNA

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