100 Jahre Erster Weltkrieg: Heinrich Kuhl beschreibt den Alltag in den Schützengräben

Kugeln pfiffen um den Kopf

Im ewigen Schützengraben: Heinrich Kuhl beschreibt in seinem Tagebauch anschaulich den Kriegsalltag. Der Christeröder starb einen Tag vor seinem 27. Geburtstag Diese Feldpostkarte zeigt eine gestellte Szene im Schützengraben. Repro:  HNA

Heinrich Kuhl schrieb: „Abends ist Silvesterfeier, Neujahrsfeier in Feindesland. Cognac und Rum ist zur Stelle und die unvergessliche Feier beginnt. Es ist großartig. Ein Vortrag folgt auf den anderen und wir haben einen großen Spaß. Um 12 Uhr donnern die Kanonen und Gewehre knattern von den Stellungen her. Selbst im Dorfe wird geschossen. Wir gratulieren uns gegenseitig durch Händedruck zum neuen Jahre mit dem heißen Wunsch, dass wir die liebe Heimat gesund wiedersehen möchten und dieses Leben im ewigen Schützengraben bald ein Ende nehmen möchte. (…)

Sonnabend den 2. Januar regnet’s den ganzen Tag. Nachts gehen wir drei Unteroffiziere und vier Mann Patrouille. Wir schieben uns an den ersten französischen Schützengraben, schnitten gegen 50 Meter lang Drahtnetze ab, brachten dieselben ein Stück zurück und so holten wir dreimal. Das letzte Mal wurden wir bemerkt. Die Franzosen kamen aus dem Graben raus, um uns abzuschnappen. Jetzt wurde es aber Zeit für uns zu verschwinden. (…)

Mittwoch wird wieder feste gearbeitet. Es regnet dauernd, das Wasser läuft wie ein Bach im Schützengraben. In den Deckungen gibt´s Grundwasser und von oben regnet’s durch, das Stroh ist naß und uns ist ganz komisch zu Mute. Nachts ist Arbeitszeit angesetzt von 8-10, von 11-2, von 3-5 (…) Freitag wird an den Quartieren gearbeitet, alles sauber gemacht, denn es sind Typhuserkrankungen vorgekommen. Sonnabend werden wir wieder geimpft.“

Für den 5. Februar erhielten sie den Auftrag in Vorbereitung der Erstürmung eines gegnerischen Grabens festzustellen, ob und wie stark dieser besetzt ist. Die Artillerie sollte zuvor 24 Mal auf den Graben feuern. Danach ging eine Gruppe von sechs Mann, ausgerüstet mit Drahtscheren und Handgranaten vor.

Wir überkletterten die Drahthindernisse vor unserer Stellung, sahen nach vorn und nach allen Seiten. Es war so gegen 10 Uhr. Vorsichtig krochen wir nach vorn bis auf 20 Meter an den Graben. Da sahen wir aber die Franzmänner aus dem Graben kommen auf uns zu, und von allen Seiten erhielten wir Feuer. Die Kugeln pfiffen uns um den Kopf und keiner von uns dachte, gesund zurückzukommen und zwischen den halb verwesten Leichen liegen zu bleiben. Wir krochen zurück und hielten uns durch unser rasendes Schnellfeuer die Franzosen vom Hals. Unversehrt wurden wir von unserer Kompanie beglückwünscht als kugelsicher. Jetzt wussten alle, dass der Graben voll Franzosen steckte. Jetzt wurde der Sturm verschoben.“ Bernd Lindenthal

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Quelle: HNA

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