HNA-Interview: EU-Parlamentarier Martin Häusling über das neue EU-Saatgutrecht

„Kunde ist Leidtragender“

Bio-Bauer aus Leidenschaft: EU-Parlamentarier Martin Häusling auf seinem Hof in Oberurff. Foto: Hoffmann

Bad Zwesten. Martin Häusling ist Bio-Bauer aus Leidenschaft. Doch auf seinem Hof in Oberurff ist der 52-Jährige nur noch selten, denn Häusling sitzt für die Partei Die Grünen im Europaparlament in Straßburg. Die HNA sprach mit ihm über das neue EU-Saatgutrecht.

Herr Häusling, was hat die Europäische Union (EU) in Sachen Saatgutrecht beschlossen?

Martin Häusling: Beschlossen ist noch gar nichts. Es gibt nur einen Vorschlag der Kommission, der noch im Parlament und Rat diskutiert und dann gemeinsam zwischen den drei Parteien ausgehandelt werden muss. Es geht um eine Neuregelung der zwölf in Europa existierenden Saatgutrechte. Sie sollen länderübergreifend vereinheitlicht werden.

Wie ist die Lage in Deutschland?

Häusling: In Deutschland gibt es seit fast 30 Jahren das Saatgutsverkehrsgesetz. Es regelt, wie beispielsweise Raps, Getreide und Nutzpflanzen auf den Markt gebracht werden. Das deutsche Recht wird durch die EU-Regelung abgelöst. Das Problem ist, dass kleine und mittlere Saatgutzüchter in diesem System benachteiligt werden.

Wen betreffen diese Benachteiligungen denn?

Häusling: Insbesondere Züchter, die ökologisches Saatgut züchten. Das sind meistens kleine Firmen, die Saatgut herstellen, das bisher in Nischen gehandelt wird. Historische Sorten etwa oder Bio-Sorten. Da diese Sorten die normale Zulassung für den Markt nicht schaffen, weil sie den Zulassungskriterien nicht entsprechen, werden sie auf Dauer in einen Nischenmarkt gedrängt. Sie bekommen eine amtlich anerkannte Beschreibung, ihr Markt ist aber begrenzt. Zum Beispiel wird diesen Unternehmen ein völlig willkürlicher Deckel gesetzt. Sie dürfen nicht mehr als zehn Beschäftigte haben und höchsten zwei Millionen Euro Jahresumsatz.

Und das Saatgut?

Häusling: Wollen sie ihr Saatgut normal registrieren lassen, ist das – wenn sie die Kriterien schaffen – zudem sehr teuer. Das begünstigt die großen Züchtungsunternehmen. Ihnen wird der Rücken gestärkt. Die Artenvielfalt in der Landwirtschaft wird so nicht erhöht, obwohl dies ein gesetztes Ziel der EU-Biodiversitätsstrategie ist.

Inwiefern ist der Kunde im Supermarkt betroffen?

Häusling: Zehn große Unternehmen kontrollieren etwa 80 Prozent des weltweiten Saatgutmarktes. Sie setzen zunehmend auf Hybridsorten. Das ist Saatgut, das auf hohen Ertrag gezüchtet und nach einmaliger Nutzung unbrauchbar ist. Der Bauer muss also jedes Jahr neue Saat einkaufen. Leidtragender ist der Kunde, der für weniger Angebot in den Regalen mehr zahlen muss.

Sie befürchten, dass in Zukunft nur noch kommerziell erfolgreiche Züchtungen hergestellt werden?

Häusling: Natürlich. Bio-Sorten und historische Züchtungen sind bisher Nischenprodukte und werfen kaum Gewinn ab. Daher sind sie für die großen Firmen uninteressant. 90 Prozent der heimischen Sorten sind bereits verloren gegangen. Unsere Artenvielfalt ist ganz klar in Gefahr. Und wir bräuchten dieses Saatgut dringend, weil es oft viel besser mit Umweltstress klarkommt, Dürre zum Beispiel.

Was bedeutet die Regelung für die Region Schwalm-Eder?

Häusling: Für die Kleinbauern und Hobbygärtner heißt das, dass sie keine lokal angepassten Züchtungen mehr bekommen. Stattdessen gibt es fast nur noch die Hybridsorten, die im Nachbau keinen Ertrag mehr bringen. Statt also ein Produkt langfristig anbauen zu können, muss der Bauer jedes Jahr dreifach einkaufen: Saatgut, Dünge- und Spritzmittel. Wozu das alles, wenn ein lokal angepasstes, robustes Saatgut hier viel effizienter wäre?

Wie lautet Ihr Vorschlag?

Häusling: Die Zulassungen müssen für kleine Saatgutzüchter vereinfacht und angepasst werden. Ferner müssen Züchtungen für den ökologischen Landbau deutlich mehr gefördert werden. Sonst haben wir bald ein Riesenproblem.

Von Matthias Hoffmann

Quelle: HNA

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