Vor 50 Jahren: Das Schwalmtal versinkt in einem historischen Hochwasser

Wie am Rhein: So sah Anfang Dezember 1960 der Blick vom Johannes-Falk-Haus in Hephata aus. Foto: Thomas Hasper/Bremen/nh

Schwalmstadt. Mit Frost und Schnee ist der Winter in der Schwalm eingebrochen – vor genau 50 Jahren war es fast genauso.

„Dazu kam 1960 aber, dass Anfang Dezember Tauwetter mit kräftigen Regenfällen einsetzte“, blickt Peter Kugler, Betriebsleiter beim Wasserverband Schwalm, zurück. Der Schnee schmolz rasch ab, aber der gefrorene Boden konnte das Wasser nicht aufnehmen.

Was folgte, war das schlimmste Hochwasser seit 1919: Der Pegel der Schwalm stieg binnen weniger Stunden stark an, Wassermassen wälzten sich durch das Schwalmtal, und es wurde Katastrophenalarm ausgelöst. „An der Schwalm und ihren Nebenläufen wurden Äcker, Straßen und Teile von 30 Städten und Gemeinden überflutet“, sagt Kugler. Insbesondere in der Stadt Ziegenhain, deren Ortskern komplett überflutet war, richtete das Hochwasser großen Schaden an und floss gar ringsum das Rathaus.

Sirenengeheul in Ziegenhain

In den frühen Morgenstunden des Montag, 5. Dezember 1960, ertönte in Ziegenhain die Sirene und rief die Feuerwehr zum Einsatz. Von der Kaserne auf dem Knüll in Schwarzenborn wurden 200 Panzergrenadiere zum Großeinsatz nach Ziegenhain beordert. Dort schoben sich die Wassermassen vor allem über den Steinweg und die Bundesstraße 254.

Das Altersheim des Landkreises Ziegenhain und die anderen Gebäude am Steinweg waren nur noch mit Schlauchbooten oder hochgebauten Fahrzeugen der Bundeswehr zu erreichen. Die Insassen des Altersheims, „wo die untere Etage bis unter die Matrazen mit Wasser gefüllt war“, wie die Hessische Allgemeine berichtete, wurden durch das Rote Kreuz und Bundeswehrsoldaten versorgt. Im Steinweg bahnte sich das Wasser einen Weg über den Friedhof, riss dabei Grabschmuck mit sich, der auf den Platz in der Allee bis an die Landgraf-Philipp-Straße geschwemmt wurde.

In Treysa wurde gegen 14 Uhr ein Pegelstand von 3,56 Meter gemessen. Der eiserne Steg über die Schwalm an der Bleichgasse in Treysa war zur Mittagszeit völlig im Wasser verschwunden.

Schweine und Rinder in Not

In Loshausen war das Hochwasser am frühen Morgen schon in viele Viehställe und Keller eingedrungen, so dass Schweine und Rinder in Sicherheit gebracht werden mussten. „Soldaten, Feuerwehrleute und beherzte Männern des Dorfes halfen, wo Not am Mann war“, hieß es damals in der Hessischen Allgemeinen. Befreit wurden auch Autofahrer, die auf überschwemmten Straßen steckengeblieben und auf die Dächer ihrer Fahrzeuge geklettert waren. Das Nachbardorf Zella wurde von der Hochwasser führenden Schwalm auf der einen und von der über die Ufer getretenen Antreff auf der anderen Seite völlig eingeschlossen.

Erst am späten Nachmittag sank das Hochwasser, das das gesamte Schwalmtal in einen riesigen See verwandelt hatte. Unter dem Eindruck des Hochwassers von 1960 wurde zwei Jahre später der Wasserverband Schwalm gegründet und die großen Hochwasserrückhaltebecken an der Antrift und der Schwalm errichtet.

Von Jürgen Köcher

Quelle: HNA

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