Im Landkreis gibt es 10.000 Analphabeten

Hille Hobbiebrunken-Oltmer

Schwalm-Eder. Geschätzte 10.000 Menschen im Schwalm-Eder-Kreis haben große Schwierigkeiten, zu lesen und zu schreiben. Experten unterscheiden dabei zwischen echten und funktionalen Analphabeten, wie Hille Hobbiebrunken-Oltmer erläutert.

Sie ist bei der Volkshochschule Schwalm-Eder für die Alphabetisierungskurse zuständig (siehe Hintergrund). Als echte Analphabeten werden Menschen bezeichnet, die nie schreiben und lesen gelernt haben.

Viel häufiger kommen jedoch funktionale Analphabeten vor. Sie haben eine Schule besucht und manchmal auch einen Abschluss. Sie kennen die Buchstaben, es gelingt ihnen aber zum Beispiel nicht, diese zu einem Laut oder einem Wort zusammenzuziehen.

„Sie können mit den Funktionen der Buchstaben nicht umgehen“, erläutert Hobbiebrunken-Oltmer. Daher kommt der Begriff funktionale Analphabeten. Diese Menschen können keinen kompletten Satz korrekt schreiben.

Die Betroffenen fallen im Alltag nicht unbedingt auf. Häufig entwickeln sie Verteidigungsstrategien, so genannte Eskapismen. So sagen sie zum Beispiel: „Ich habe keine Brille dabei, kannst Du mir das mal vorlesen.“ Wenn jemand glaubt, in seinem Umfeld einen Analphabeten zu haben, sollte er ihn auf das Problem ansprechen, empfiehlt Hobbiebrunken-Oltmer. Dabei sei allerdings Sensibilität gefragt, denn das Problem sei schambesetzt. Bundesweit sind nach der Level-One-Studie 7,5 Millionen Menschen Analphabeten, davon haben 4,5 Millionen Deutsch als Muttersprache. Anhand dieser Studie hat Hobbiebrunken-Oltmer die Zahl 20 000 für den Kreis errechnet.

Im Labyrinth der Wörter

Lesen können längst nicht alle Menschen im Schwalm-Eder-Kreis: zwei Betroffene berichten

Von Maja Yüce

Homberg. Diesen Artikel können die beiden Männer, um die es geht, nicht lesen. Noch nicht. Denn sie können nicht lesen und auch das Schreiben fällt ihnen schwer. Doch sind sie dabei, etwas dagegen zu tun. In einem Volkshochschulkurs in Homberg wollen der 56-Jährige aus Neuental und der 53-Jährige aus Melsungen das Nachholen, was sie in den vergangenen Jahrzehnten verpasst haben.

Das sie etwas verpasst haben, da sind sich die Männer sicher. Denn ganz langsam finden sie den Weg durch das Labyrinth der Wörter. Namentlich wollen sie nicht genannt werden, zu viel mussten sie in ihrem Leben bereits gegen Vorurteile kämpfen. Sechs Teilnehmer sind in ihrem Kurs. Nur die zwei Männer und Kursleiterin Dr. Helga Kuppe sind zum Termin mit der HNA gekommen. " Die Scham ist groß", sagt Kuppe. Dabei sei es gar nicht schwer, durch das System zu fallen.

"Bei mir fing es in der Grundschule an, da wurde ich in die Sonderschule gesteckt. Der Lehrer kümmerte sich nur um die, die gut mitkamen", erinnert sich der Neuentaler. Acht Mal sei seine Familie - zu der sieben weitere Geschwister zählen - während der Schulzeit umgezogen. "Da sind Lesen und Schreiben auf der Strecke geblieben", sagt er. Und ein wenig auch das Sprechen. "Mit jedem Wort, dass ich lesen und verstehen lerne, wächst auch mein Wortschatz", sagt er und lächelt. Mit seinem Handy fotografiere er jetzt Schilder, Werbetafeln und mehr, sagt er. "Heute habe ich die Namensschilder an den Türen der vhs fotografiert." Zu Hause entziffere er dann das Buchstabengewirr. "Dann weiß ich wie die Menschen heißen. Ich bekomme immer mehr heraus und Worte werden zu Sätzen", sagt er und dabei schwingt eine große Portion Stolz mit. "Es ist eine ganz andere Welt, die ich jetzt kennenlerne."

Anstrengend sei es nach all den Jahren mit dem Lernen zu beginnen. An den Tagen, an denen der Mut ihn zu verlassen drohe, stelle er sich einfach einen Computer vor. "Der ist strohdoof, wenn man ihn nicht füttert. Bei Menschen ist das auch so."

Verheimlicht habe er seine Schwäche nie. Doch habe er immer auch nur Arbeiten machen können, bei denen man nicht lesen musste. Immer wieder habe ihn der Fortschritt eingeholt - dann musste er eine neue Arbeit suchen. Eine, in der Buchstaben keine Rolle spielen. Derzeit ist er Hilfskraft im Gartenbau. Mit seinem offenen Umgang ist der 56-Jährige eine Ausnahme, weiß Dr. Kuppe. "Oft kostet es die Menschen Überwindung, darüber zu sprechen. Sie werden Meister im Finden von Ausreden."

Sein Tischnachbar schreibt gerade langsam das Wort Burg in einen Lückentext. Denn die ist auf dem Bildchen daneben abgebildet. Er habe, als es mit dem Lesen nicht so schnell geklappt habe, einfach zu gemacht. Der Weg war dann ähnlich: Sonderschule und Spott der Mitschüler.

"Ich bin Maurer und habe meine Gesellenprüfung geschafft", sagt er plötzlich, setzt sich auf und legt den Bleistift zur Seite. Mündlich sei er geprüft worden. Sein Chef war eingeweiht. 25 Jahre in einem Betrieb und nie Probleme im Job, weil er nicht lesen konnte. Die gab es erst, als er aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten konnte und eine Umschulung machen sollte. Jetzt sitzt er Woche für Woche auf der Schulbank.

Beide Männer haben einen Führerschein in der Tasche. "Die Prüfung kann man auch mündlich machen. Die Fragen und Antworten hat mir meine Schwester vorgelesen und ich habe sie auswendig gelernt. So habe ich mich vorbereitet", sagt der 56-Jährige. Rückblickend weiß er, dass die Rückendeckung der Familie falsch verstandene Hilfe war. "Es wäre einfacher gewesen, wenn ich früher mit dem Lernen angefangen hätte. Dann könnte ich jetzt auch den Zeitungsartikel über mich lesen."

Quelle: HNA

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