Maler Karl Lenz schätzte die Schwalm – und auch das Naziregime

Das Landleben als Ideal

1. Mai in Röllshausen: Ab 1934 erfüllte sich Karl Lenz’ langgehegter Wunsch, die Malerkolonie Willingshausen kennenzulernen. Es folgten jährlich wiederkehrende Studienaufenthalte in Röllshausen, dort entstand auch diese Darstellung. Repro: nh

Röllshausen. Mehrmals hielten sich der aus Erdhausen bei Gladenbach stammende Maler Karl Lenz und seine ebenfalls malende Frau Berta in der Schwalm zu Studienzwecken auf. Dabei zogen sie die Abgeschiedenheit Röllshausens dem Betrieb in der Malerkolonie Willingshausen vor. In dieser Zeit entstand auch das Tryptichon „1.Mai in der Schwalm, 1934“.

Mit solchen Bildern versuchte der Maler den Kunstgeschmack des Dritten Reiches zu treffen. Bis 1933 lebte Lenz in sehr bescheidenen Verhältnissen, zum Beispiel musste er ein Auto, das er gekauft hatte, aus Geldnot wieder verkaufen.

Aufträge und Ankäufe

Nach 1933 verschaffte ihm der befreundete Kreisleiter der NSDAP und nun auch Landrat Krawielitzki Aufträge und sorgte für Ankäufe. Mit seinen Motiven einer idealisierten bäuerlichen Welt und den damit transportierten Werten des Festhaltens an dem Hergebrachten und der Regelung aller Beziehungen hatte seine Malerei jetzt Hochkonjunktur.

Am 1. März 1933 trat er der NSDAP bei, porträtierte Marburger Professoren und beteiligte sich an der Münchener Ausstellung „Deutsche Kunst“ 1937. Das eingereichte Bild „Erdhausen im Winter“ wurde von Hermann Göring angekauft. Im Dezember 1938 ging der mit 750 Mark dotierte Kurhessische Kulturpreis des Gauleiters an ihn, nachdem Carl Bantzer, für den der Preis zunächst gedacht war, öffentlich nicht so sehr in die Nähe des Regimes gerückt werden wollte. 1939 beteiligte sich Lenz mit mehreren Bildern an der dritten Ausstellung im „Haus der Deutschen Kunst.“ Diesmal kaufte Hitler sein Bild „Winter in Erdhausen.“

Gemälde vernichtet

Die Einberufung an die Westfront zu Beginn des Krieges verschlimmerte eine Herzkrankheit, so dass er wieder entlassen wurde. Eine nachhaltige Verunsicherung bedeutete sicher die Ablehnung seines Bildes „Trauer um die Gefallenen“ durch die Jury für die Kunstausstellung 1942 in München. Er vernichtete es daraufhin.

Ob er verstanden hat, dass die auf Heroisierung ausgerichtete NS-Kunstdoktrin keine trauernde Bäuerin in Tracht ausstellen wollte? Ob die am 19. Februar 1943 erfolgte Hinrichtung seines Malerkollegen Heinrich Will aus Gießen wegen „Rundfunkverbrechen“ ihn erschrocken und nachdenklich gemacht hat? Lenz hatte ihm, der mit einer jüdischen Frau verheiratet war und deshalb nicht ausstellen durfte, Neujahrsgrüße geschickt.

Karl Lenz blieb der nationale Durchbruch versagt. Sein scheinbar unpolitisches „nur malen wollen“ war gescheitert. Die vordergründig malerischen Bauern waren zugleich eifrige Hitleranhänger und somit bald auch Totengräber Deutschlands und der bescheidenen Karriere von Karl Lenz.

Reife und Lockerheit

Kunstkenner bescheinigen ihm für seine Malkunst nach 1945 Reife und farbenfrohe Lockerheit seiner „unausgeschöpften impressionistischen Fähigkeiten“ (Prof. Bernd Küster, Kassel). Es blieb ihm nicht mehr viel Zeit. Er starb am 1. Mai 1948.

Seine Witwe brachte seine Bilder in eine Stiftung ein, wo sie noch heute in einer eigenen Galerie des Restaurants Künstlerhaus Lenz in Erdhausen, inzwischen ein Stadtteil von Gladenbach, bewundert werden können.

Von Bernd Lindenthal

Quelle: HNA

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