„Methoden überall gleich“

Landwirte unter Druck: Ferkel ohne Betäubung kupiert, kastriert und erschlagen

+

Schwalm-Eder. Qualvolle Szenen aus der Schweinemast, wie sie jetzt in einem ARD-Bericht zu sehen waren, sind auch im Schwalm-Eder-Kreis nicht auszuschließen. Es geht um abgekniffene Zähne, abgeschnittene Schwänze, Kastration ohne Betäubung und einiges mehr:

Das Abkneifen der Zähne der Ferkel ist verboten, sagt Tierarzt Dr. Hans-Gerhard Heil, das Abschleifen ist dann erlaubt, wenn sich die Tiere untereinander verletzen. „Eigentlich verboten ist das Schwanzkupieren.“

„Eigentlich verboten ist das Schwanzkupieren“, weiß der Tierarzt, wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind, ist es aber zulässig – wenn es amtlich genehmigt ist. Doch jüngst meldet die Hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin, dass das Abschneiden der Schwänze „überall Praxis ist“.

Für die Kastration ist laut Heil die Gabe eines Schmerzmedikamentes 15 Minuten zuvor vorgeschrieben, ab 2019 muss der Eingriff unter Narkose vorgenommen werden, sagte Heil.

Lesen Sie auch

Schweinemast: Die Qual der Ferkel schockiert Verbraucher

„Derzeit ist alles im Umbruch“, meint Behördenleiter Dr. Peter Urban und verweist auf die Gesetzeslage, die bis 2019 umgearbeitet werde. Dabei ist schon heute in der „Verordnung zum Schutz landwirtschaftlicher Nutztiere und anderer zur Erzeugung tierischer Produkte gehaltener Tiere bei ihrer Haltung“ sehr vieles genau geregelt, bis hin zur zulässigen Bodenspaltenbreite. All das werde auch von der Veterinärbehörde, von Tiergesundheitsaufsehern und Tierärzten, regelmäßig überprüft, versichert Urban. Kollege Heil verweist auf ein freiwilliges Abkommen der Landwirte, die „Düsseldorfer Erklärung“, die Missstände abstellen soll.

„Die Tiere, die den Schlag auf den Erdboden oder eine Kante überleben, werden achtlos zu den verendeten Tieren in eine Tonne geworfen.“ Regine Müller, SPD

Andreas Grede (BI Chattengau gegen Massentierhaltung, Niedenstein) ist dagegen skeptisch, „die Tierärzte beruhigen stets und ständig, alles sei gut“. Doch das sei fragwürdig. Laut Grede haben viele Landwirte unter dem harten Preisdiktat der Fleischindustrie null Handlungsspielraum. Sie müssen immer mehr immer billiger erzeugen, wenn sie wirtschaftlich überleben wollen, „die Lobby ist in diesem Bereich sehr stark“. Viele Landwirte seien in Wirklichkeit scheinselbstständig, wenn sie von einem Lieferanten für Ferkel, Futter und Arzneien abhängig sind.

Dabei sind überschaubare Ställe nicht unbedingt besser als große, unterstreichen Tierschützer. Auch kleinere Erzeuger würden unter enormem Druck stehen. Aus Zeitnot würden die Ferkel auch noch jenseits der erlaubten Frist von sieben Lebenstagen kastriert – unter schrecklichen Schmerzen. „Sie schreien entsetzlich“, berichtet ein Tierschützer, der wegen seiner familiären Bindungen nicht wagt, seinen Namen zu sagen. Man müsse man für die Bauern aber auch Verständnis haben, 16-Stunden-Tage seien für viele keine Ausnahme. Kränkliche Ferkel würden an die Wand oder gegen eine Kante geschlagen, was die Tiere manchmal unter grausamen Qualen eine Zeitlang überstehen.

Das sei auch in dem ARD-Beitrag belegt worden, erklärte Regine Müller (SPD): „Überzählige Ferkel werden auf brutale Weise getötet, die Tiere, die den Schlag auf den Erdboden oder eine Kante überlebten, werden achtlos zu den verendeten Tieren in eine Tonne geworfen.“

Den Tierarzt die Tötung oder Kastration vornehmen zu lassen, sei nicht wirtschaftlich. Durch das Entfernen der Hoden wird der ekelerregende Ebergeruch beim Schlachtschwein vermieden. Eine Alternative könnte laut Andreas Grede die Immunokastration durch zwei Spritzen-Injektionen sein, sie sei überall im englischsprachigen Raum längst üblich. Deutsche Vermarkter würden diese Methode aber ablehnen, sie fürchten, dass Verbraucher sie nicht akzeptieren.

Das Fazit der Tierschützer ist bitter, „die Methoden sind fast überall die gleichen, aber es ist sehr schwer, dahinter zu kommen, weil man nur ausgewählte Ecken gezeigt bekommt“, sagt Andreas Grede.

Hintergrund: In den Märkten tobt der Preiskampf

„Kaufen Sie keine Billigangebote im Discounter, sondern regional“, rät Andreas Grede von der BI Chattengau allen, die anständig erzeugtes Fleisch wollen. Tierschützer fordern inzwischen, dass die Art der Haltung auf Verkaufspackungen gedruckt werden muss, so wie bei Eiern.

Der Preiskampf in den Discountern tobt unterdessen. Das Magazin Öko-Test berichtet im August-Heft, dass viele Ketten die Schweinefleischpreise aktuell drücken und die Kosten dafür zur Hälfte an die Mäster weitergeben. Derzeit starte der Handel aber zusammen mit der Land- und Ernährungswirtschaft ein Programm für bessere Mastbedingungen, es nennt sich „Initiative Tierwohl“.

Der Preis für ein Kilo Schweineschnitzel reicht laut Öko-Test zurzeit von 4,99 Euro bei Real bis 21,90 Euro bei Bioware von Demeter und Denns.

Von Anne Quehl

Quelle: HNA

Kommentare