Die „Schule für beruflich Reisende“ macht zur Salatkirmes Station in der Schwalm

Für das Leben lernen sie

Unterricht auf vier Rädern: Heidrun Börner (Mitte) mit Kurt Kalbfleisch und Chiara-Marie Berger im Schulwagen Nr.2, der zurzeit gegenüber dem Tegut in Ziegenhain Station macht. Foto: Quehl

Ziegenhain. Ein Leben ohne Sitzenbleiben, Unterricht im Schatten des Riesenrades und mehrmals pro Jahr andere Lehrer: Chiara-Marie Berger (9) und Kurt Kalbfleisch (7) kennen das nicht anders. Sie besuchen die „Schule für Kinder beruflich Reisender“ zumindest den Sommer über, denn ihre Familien verdienen ihr Geld als Schausteller.

Seit ein paar Tagen begrüßt Lehrerin Heidrun Börner (56) ihre Schützlinge nicht weit vom Kirmesplatz in Ziegenhain im Schulwagen Nr. 2. Bis zu fünf Mädchen und Jungen sind es in diesen Wochen. Früher hat die Pädagogin aus Kassel an einer Gesamtschule unterrichtet. Heute hängt sie an der Arbeit mit Circus- und Schaustellerkindern. „Der Lärm und die Unruhe stören die Kinder keine Spur“, erklärt sie, während ringsherum geräuschvoll rangiert und aufgebaut wird. „Die schlafen ja auch in Wohnwagen, die oft direkt hinter den Fahrgeschäften stehen.“

Um 9 Uhr beginnt der Unterricht, Chiara ist im 4. Schulbesuchsjahr, Kurt im 2. Die Jahrgangstufe spielt für sie nicht die gleiche Rolle, wie für Regelschüler. In ihrem individuellen Schultagebuch, einer dicken Ringmappe, schreiben die Lehrkräfte Lernstand und Lernpläne beständig fort.

Die meisten Schaustellerkinder besuchen im Winter ihre Stammschule in ihrem Heimatort. Wenn es nötig ist, gehen sie für ein paar Tage in eine Schule am jeweiligen Kirmesort. Reist eine Schaustellerfamilie in einen anderen Teil Hessens, werden sie möglichst an eine andere Schule für beruflich Reisende übergeben. Insgesamt touren acht rollende Klassenzimmer durch Hessen, zwei davon sind in Nordhessen unterwegs.

Bis zur Jahrgangstufe 10 können Chiara, Kurt und ihre wechselnden Schulkameraden in der rollenden Schule bleiben. Eine Handvoll gewöhnlicher Schultische findet sich darin, auch eine große Tafel, Bücher, von Kindern gemalte Bilder an den weißen Wagenwänden. Manche machen den Haupt-, manche den Realschulabschluss, erzählt Heidrun Börner. Einige gehen durchaus weiter bis zum Abitur. „Meine Arbeit hat den besonderen Reiz, jedes Kind individuell zu fördern, es da abzuholen, wo es gerade steht“, sagt Heidrun Börner, „ob nun hyperaktiv oder hochbegabt“.

Chiara geht lieber zur Schule als Kurt, aber für beide Kinder steht ihr Berufswunsch längst felsenfest: Schausteller werden sie. Munter zählen sie die Fahrgeschäfte ihrer Familien auf. Die Neunjährige besitzt schon ein eigenen Wohnwagen, Kurt will dringend einen haben, „Reisen ist cool“. Heidrun Börner übersetzt: „Diese Kinder sind ihrer Tradition völlig verbunden, ihre Familien sind Geschäftsleute und Künstler. Unsere Aufgabe ist es auch, ihre Kultur zu unterstützen.“ Deshalb sorgt das Projekt auch für Berufsbegleitung Jugendlicher, „die Anforderungen im technischen Bereich oder im Vertragswesen wachsen schließlich auch für sie“.

Chiara und Kurt haben gegen 11 Uhr Pause, Heidrun Börner wird mit ihnen den Kastenwagen-Klassenraum verlassen, denn die beiden kennen die Umgebung nicht gut, die Motoren ausladender Schaustellerlaster lärmen rundherum. Beim Bäcker gegenüber gibt es zuverlässig, was es überall in den Bäckereien gibt. Dann geht es zurück in den Wagen, Unterricht ist täglich bis 13 Uhr.

Von Anne Quehl

Quelle: HNA

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