Familie Glasewald

Ein Leben am Schießstand - Familie wohnt seit 50 Jahren im Wald

Zum Jubiläum: von links Helmut und Irmgard Glasewald bekamen von Verwalter Eberhard Neurath (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben) ein Präsent überreicht, sie leben seit 50 Jahren in der alten Standortschießanlage im Wald bei Florshain. Fotos: Schittelkopp

Schwalmstadt. Wo früher Soldaten das Schießen lernten, erobert sich heute die Natur ihr Territorium zurück. Seit 50 Jahren lebt Familie Glasewald im Hutewald, auf einer stillgelegten Schießanlage der Bundeswehr. Zwischen Florshain und Sachsenhausen liegt die Anlage so weit im Wald, dass keine Post und keine Zeitung dorthin ausliefert.

Doch die Glasewalds lieben ihr Idyll.

Im Januar 1964 zog das Ehepaar mit ihrer damals zwei Jahre alten Tochter von Treysa in die Dienstwohnung im Hutewald, Helmut Glasewald hatte ein Jahr zuvor als Wärter des Schießstandes begonnen. An eine Anekdote von damals erinnert sich die 78-Jährige Irmgard Glasewald noch wie heute. Nach einer Woche sagte das Töchterchen: „Ich habe jetzt hier alles gesehen, wir können wieder nach Hause.“

Der Kasselänerin fiel das neue Leben in der Einsamkeit besonders schwer: „Ich wollte hier nicht bleiben“, erzählt Irmgard Glasewald. Die gelernte Buchhalterin musste den Führerschein machen, nur ungern sei sie früher ins Auto gestiegen. Doch die Kinder mussten in die Schule und die Einkäufe erledigt werden. Heute fährt nur noch sie Auto, fast täglich macht sich das Ehepaar auf den Weg in die Stadt für Besorgungen.

„Ich war Hans Dampf in allen Gassen“, erzählt Helmut Glasewald über seine 37-jährige Arbeit als Wärter der Anlage. Von der Buchführung über die Instandhaltung der fünf Hektar großen Anlage übernahm der gelernte Schreiner die Aufgabe rund um den Schießstand.

Seine Frau betrieb den Kiosk und verköstigte die Soldaten mit Würstchen und Süßigkeiten. Auf der 300 Meter langen Schießbahn lernten jährlich 1000 Männer den Umgang mit der Waffe. Neben der Bundeswehr übten dort die Polizei, die Wertpost, Beamte der JVA und Reservisten. Sechs Tage pro Woche war Betrieb, zudem gab es Nachtübungen. Der Schießstand liegt nur zehn Meter vom Wohnhaus entfernt.

2003 wurde der Betrieb eingestellt. In den zehn Jahren seit der Schließung eroberte sich die Natur das Territorium zurück, durch Stürme wurden Bäume abgeknickt und der Zaun beschädigt. Immer wieder kommen Neugierige auf die Anlage, in einem Holzstoß wurde gar ein Feuer gelegt.

Die Anlage sollte mit dem Erdaushub vom Tunnelbau der A 49 zugeschüttet werden. „Doch ist es an den Behörden gescheitert“, sagt Verwalter Eberhard Neurath von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben.

Familie Glasewald lebt in alter Bundeswehr-Schießanlage bei Florshain

Nun soll die Anlage verkauft werden. Ob die Glasewalds auch weiterhin in ihrer Wärterwohnung bleiben können, ist unklar. Wegziehen möchten sie nicht. „Wir genießen die Natur hier sehr, in der Stadt ist es so laut.“

Von Claudia Schittelkopp

Quelle: HNA

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