Lesung des Frankfurter Schriftstellers Wilhelm Genazino an der Burgsitzschule

Vom Leiden der Männer ab 40

Feste Größe im deutschen Literaturbetrieb: Wilhelm Genazino. Foto:  zbr

Spangenberg. Wilhelm Genazino, Schriftsteller und Träger des Georg-Büchner-Preises, stellte am Mittwochabend in der Burgsitzschule Spangenberg sein Buch „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ einem etwa 50-köpfigen Publikum vor. Förderverein und Elternbeirat hatten zu der Veranstaltung eingeladen,

Der in Frankfurt lebende Autor ist aus der deutschen Literaturlandschaft nicht wegzudenken. In seinen etwa 30 Romanen, Erzählungen, Essays und Theaterstücken weisen schon die auffälligen und skurrilen Titel wie „Abschaffel“, „Liebesblödigkeit“ oder „Die Obdachlosigkeit der Fische“ auf eine besondere Sichtweise hin: Durch überpräzise Beobachtung und minutiöse Beschreibung scheinbar banaler Situationen lenkt er den Blick ins Detail. Seine Helden, meist männlich, verzweifeln und zerbrechen an dieser Sicht durch das Vergrößerungsglas.

So ist es auch im 2008 erschienenen Werk „Das Glück in glücksfernen Zeiten“, aus dem Genazino in Spangenberg las. Der Protagonist darin ist um die vierzig, heißt Warlich und ist promovierter Philosoph. Seine Lebensgefährtin wünscht sich Kinder und möchte heiraten. „Das Unglück ist, dass die Frauen immer noch glücklicher werden wollen“, so drückt Warlich seine Abneigung gegenüber Bindung und Verantwortung aus. Unverarbeitetes aus der Kindheit, „das Gefühl, vom Leben zu wenig zu verstehen“ und sein andauernder Zustand der Halbwachheit und Unentschlossenheit sind Ausdruck tief sitzender Ängste. „Das Leiden der Männer“ ist immer wieder Thema bei Genazino: „Es fängt damit an, dass sie irgendwann einmal eine bestimmte Frau lieben.“ Heirat sieht er als Überschätzung der Kräfte und Trauer als Preis für die Unfreiheit durch die Ehe.

Gespenstereien

Genazino las, wie er später eröffnete, unterschiedliche Passagen des Buches in nicht chronologischer Folge vor. Das fiel kaum auf, so durchgängig zeichneten sich zweifelnd-unbehagliche Stimmungen in sprachlicher Homogenität ab. Gelegentlich ertönte eher unterdrücktes Lachen im Publikum, letztlich blieben jedoch vertrautes Unbehagen und „Gespenstereien im Kopf“.

Die anschließenden Gesprächsbeiträge zeigten, dass nicht jeder Genazinos Melancholie anzunehmen vermochte. „Wer älter ist als vierzig, kann nicht ohne Melancholie auf seine Biografie blicken“, resümierte der Autor.

Aber auch dieses Buch endet nicht in Selbstaufgabe oder völliger Hoffnungslosigkeit, auch wenn Warlich Patient einer psychiatrischen Klinik wird. Das Ende ist offen, wie in vielen Werken Genazinos. Glücksfern bedeutet schließlich nicht glücklos.

Erlesene Gästeliste

Mit der Veranstaltung am Mittwoch wurde eine literarische Tradition an der Burgsitzschule fortgesetzt wurde. Gert Hirchenhain, ehemaliger stellvertretender Schulleiter und Hauptorganisator der Spangenberger Lesungen, stellte Genazino in die Reihe angesehener Schriftstellerkollegen wie Max von der Grün, Walter Kempowski und Christoph Hein, die bereits mit ihren Werken zu Gast an der Spangenberger Schule waren.

Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten. Roman, Hanser-Verlag München 2010, 160 Seiten, 17.90 Euro

Von Karin Brandau

Quelle: HNA

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