Demenzkranke und ihre Angehörigen durchleben schmerzhafte Momente – ein Besuch in der Merxhäuser Gerontopsychiatrie

Ein leiser Abschied vom Leben

Stilleben auf Station 4.2: Die demenzkranken Patienten scheuen sich vor einem Foto, das sie und ihr Leiden abbildet. Fotos: Schleichert

Merxhausen. Frau Müller starrt aus dem Fenster, hinaus in das Hier und Jetzt, über das sich leise, Flocke für Flocke, ein weißer Schleier legt. Gehstock und die gebückte Silhouette der alten Dame regen sich nicht. Sie ist Zaungast, sieht dabei zu, wie aus dem Schleier ein Mantel des Vergessens wird. Frau Müller ist dement.

„Demenz“ - wenn Sozialarbeiterin Christina Wagner dieses Wort ausspricht, klingt es endgültig, unwiderruflich. Seit 18 Jahren kämpft Wagner auf Station 4.2 der Merxhäuser Gerontopsychiatrie mit Demenzkranken und deren Angehörigen eine scheinbar aussichtslose Schlacht: Sie kennt den Krankheitsverlauf, kennt die sinkende Kurve, die Ärzte und Pfleger nur bremsen, aber nicht aufhalten können. Die Kurve beschreibt den Gedächtnisschwund der Demenzkranken. „Doch unsere Arbeit ist nicht sinnlos“, sagt Wagner, „wir wollen die Menschenwürde wahren.“

Die Angehörigen verlieren ihren Nächsten zweimal – erst an die Krankheit, später an den Tod.

Christina Wagner Sozialarbeiterin

Blickt man in die Gesichter auf Station 4.2, sieht man alte, vom Leben gezeichnete Menschen. Sie sind durchschnittlich 80 Jahre alt, haben den Krieg erlebt, überlebt, und kapitulieren jetzt vor einer Krankheit, die sich still und leise in ihr Leben schlich. Christina Wagner kennt nicht nur Diagnosen und Symptome.

Sie kennt die Einzelschicksale hinter den versteinerten Mienen. Frau Müller, die nicht Frau Müller heißt, sich aber fürchtet, in der Lokalzeitung erkannt zu werden. Die einstige Matriarchin will ihr Bild der stolzen, der aufrecht gehenden Frau mit ins Grab nehmen. Merxhausen – eine Schmach. Früher, vor der Krankheit, konnte Frau Müller, „alles alleine “ und will es immer noch können. Nur widerwillig stützt sie sich auf den hölzernen Gehstock. Anfangs vergaß sie mal die Herdplatte, mal den Schlüssel – und jetzt steht sie am Fenster des Aufenthaltsraums und fragt sich, ob Sommer oder Winter ist.

„Ich habe Tannenzweige mitgebracht“, sagt Wagner und dekoriert den Mittagstisch mit den duftenden Zweigen. Die 20 Demenzkranken auf der Station sollen die Zeit sehen, die sie nicht mehr fühlen können: Drei große Wanduhren und zwei Kalender hängen im Aufenthaltsraum der Gerontopsychiatrie. In einer Ecke funkelt, unübersehbar, ein Weihnachtsbaum.

Zwei Türen weiter rückt Christina Wagner drei Stühle zurecht. Sie erwartet Angehörige zu einem Gespräch. Als „Außenministerin“, bezeichnet sich die Sozialarbeiterin, deren Aufgabe es ist, im häuslichen Bereich des Patienten ein Netz zu stricken. Doch auch die Angehörigen selbst müssen manchmal aufgefangen werden. „Sie verlieren ihren Nächsten zweimal“, sagt Christina Wagner, „erst an die Krankheit und dann an den Tod.“ Die Familie des Demenzkranken muss schmerzvoll lernen, zu Lebzeiten Abschied zu nehmen.

Das für Angehörige unfassbare Leid versucht die Sozialarbeiterin in Worte zu fassen: „Das ist oft nicht leicht“, sagt Wagner, deren Arbeit so individuell ist wie der Patient und seine Biografie.

Frau Müller ist unruhig. Sie läuft vor dem Fenster auf und ab. „Wo wollen Sie hin?“, fragt Christina Wagner. „Nach Hause“, flüstert sie und wirft einen Blick zum Fenster. „Leise rieselt der Schnee“ summt es aus der Musikanlage, während draußen kleine Flocken gen Erde fallen. Ein weißer Schleier bedeckt das Hier und Jetzt. In der Nacht soll mehr Schnee fallen.

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Von Pia Schleichert

Quelle: HNA

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