Ulrike Meinhof verbrachte ihre letzten beiden Wochen vor der Festnahme in Steinatal

Die letzten Tage in Freiheit

Gaststätte im Steinatal: Dort wohnte Ulrike Meinhof gemeinsam mit einem männlichen Begleiter die letzten beiden Wochen vor ihrer Festnahme. Foto: Quehl

Steinatal. Anfang Juni 1972 betrat ein merkwürdiges Paar eine Gaststätte in Steinatal. Es hatte keine Namen und verweigerte deshalb, sich ins Gästebuch des Hauses einzutragen. „Das haben die abgelehnt“, so die Wirtin, Anneliese Kamjunke. Trotzdem blieb das Paar vierzehn Tage dort.

Markant war, dass die beiden jeden Abend das Haus verließen und tagsüber vor Ort war. Auffällig war ferner, dass sich das Paar tagsüber immer nackt auf dem Zimmer aufhielt und vierzehn Tage die gleiche Kleidung trug. Sie war immer schwarz gekleidet und er trug ein dunkles Jacket und einen weißen Rollkragenpullover. Offiziell stellten sie sich als Pfarrerehepaar vor, das Kontakt zum Obergrenzebacher Pfarrer suchte. Die Rede ist von Ulrike Meinhof und einem unbekannten Partner.

Abtauchen in der Schwalm

Auf dem Höhepunkt der Hysterie der Roten Armee Fraktion (RAF) nach ihrer Mai-Offensive 1972, wo die ganze Republik wegen der Terroristen den Atem anhielt und der Fahndungsdruck so enorm wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik war, versteckte sich Ulrike Meinhof im Steinatal.

Am 11. Mai 1972 begann die Mai-Offensive der RAF mit einem Bombenanschlag auf das Hauptquartier der US-Armee in Frankfurt am Main. Dabei wurde ein Soldat getötet und 13 Personen zum Teil schwer verletzt. Es folgten in kurzen Abständen weitere Bombenanschläge. Die ersten nur einen Tag später. Ziel war die Polizeidirektion in Augsburg und das Landeskriminalamt in München. 17 Personen wurden verletzt.

Am 15. Mai war der Wagen des Bundesrichters Wolfgang Buddenberg im Fadenkreuz der Terroristen, hierbei wurde eine Frau schwer verletzt und vier Tage später war das Axel-Springer-Gebäude in Hamburg Ziel der RAF. Auch hier gab es 17 verletzte Personen. Am 24. Mai schließlich war das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Europa in Heidelberg Ziel eines Anschlags. Drei US-Soldaten wurden ermordet, fünf verletzt. Wahrscheinlich wurden bei den Anschlägen Zünder eingesetzt, die am 2. April 1972 in einem Steinbruch bei Oberaula erbeutet worden waren.

Ganz Deutschland suchte die Terroristen und Ulrike Meinhof ging in Steinatal auf Tauchstation, um eventuell neue Überfälle, die zum Leben in der Illegalität notwendig sind, auszuspähen.

Ulrike Meinhof und ihr Begleiter kamen Anfang Juni 1972 mit einem DKW mit Darmstädter Kennzeichen nach Steinatal – ohne Gepäck. Nur eine längliche Holzkiste lag auf der Rückbank. Anneliese Kamjunke (Jahrgang 1949), die Wirtin des Hauses, erinnert sich, dass man dort Waffen darin verstecken konnte. Abends, bevor man los fuhr, wurde diese mit einem Mantel von Ulrike Meinhof abgedeckt. Tagsüber lag sie im Kleiderschrank ihres Zimmers.

Öfters sprang der Wagen nicht an. Die Wirtin gab daraufhin den Tipp, den Wagen bergab starten zu lassen, aber selbst das bekam Meinhofs Begleiter nicht hin. Passend dazu ist in der Erinnerung Kamjunkes Meinhofs männlicher Begleiter eher als trottelhaft haften geblieben. ARTIKEL LINKS

Von Thomas Schattner

Quelle: HNA

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