Erster Weltkrieg: Die Frankenhainer Schulchronik beschreibt die Heimatfront

Liebesgaben von Daheim

Frankenhainer Soldaten mit ihrer Familie: Heinrich Berg, Christine Berg geb. Rommel, Katharina Berg und Fritz Berg. Repro: HNA

Frankenhain. Die negativen Entwicklungen im Verlauf des Krieges und das Bemühen, die Widrigkeiten zu meistern sowie die Siegeszuversicht und Opferbereitschaft hoch zu halten, spiegeln sich in der Frankenhainer Schulchronik, geführt während des Krieges von Otto Katzwinkel.

Während der Mobilmachungswochen hatte er durch seine Schüler Lebensmittel für die ausziehenden Soldaten sammeln und an den Bahnhof in Treysa bringen lassen. Die Stadt war zu einer großen Verpflegungsstation geworden. Im Gasthaus zur Burg und im Bahnhofshotel wurde Eintopf gekocht und von jungen Damen an die Soldaten verteilt. In der Ziegenhainer Löffelfabrik hatte man Löffel besorgt, die die Soldaten für einen Groschen als Erinnerung behalten durften.

Die Schwälmer Bauern brachten Körbe mit Wurst, Speck, Brot und Butter. In der Weihnachtszeit organisierte Katzwinkel die Versendung von „Liebesgaben“ an die etwa 45 Kriegsteilnehmer aus Frankenhain. Außerdem ließ er regelmäßig für das Rote Kreuz und das Lazarett in Hephata sammeln und warb eindringlich für die Kriegsanleihen.

Ab November 1914 hatte seine Frau einen Strickabend eingeführt und auch im Handarbeitsunterricht wurden Strümpfe für die Soldaten gestrickt. Ab Februar 1915 wurde die Brotkarte eingeführt. Katzwinkel kommentierte: „Anfangs konnte man sich nicht an diese neuen Verhältnisse gewöhnen. Das eiserne „Muss“ lenkte jeden in seine Schranken.“

Die Petroleumknappheit ließ manche Familie um 19 Uhr ins Bett gehen. Frankenhain war nicht an die Stromversorgung angeschlossen. Ab 1. Mai 1915 wurden Metallgegenstände meldepflichtig und beschlagnahmt. Der Lehrer ließ die Schüler alte Kupferkessel, Löffel usw. aber auch Gummiteile von Fahrrädern und Gummistiefel einsammeln und in das Artilleriedepot nach Kassel bringen. Ferner wurden Weidenröschen zur Schießpulverherstellung, Holunderbeeren, Brennnessel, Laub, Bucheckern und Flaschen gesammelt. Das getrocknete Laub sollte das Stroh ersetzen, das gehäckselt und mit Rübenschnitzel vermischt als Futter für Pferde und Rinder gebraucht wurde.

Im Juli 1918 kamen Kinder aus Kassel und bettelten um Brot und andere Lebensmittel. Da das Dorf nicht die erforderliche Menge Butter ablieferte, wurden die Zentrifugen bis auf zwei polizeilich geschlossen.

Das Ausdreschen des Getreides geschah im Sommer 1918 wegen der Abgabepflicht unter polizeilicher Aufsicht. Einzelne Familien erhielten gar von ihren Angehörigen, die in Russland, Rumänien, Frankreich und Belgien lagen, Paketchen mit Seife, Fett, Mais, Maismehl und Brot zugesandt. Am 21. Januar 1916 wurde die Beschlagnahme aller größeren Nussbäume zur Herstellung von Gewehrschäften bekannt gegeben.

Am meisten musste den Lehrer, der anlässlich jeden Sieges, Rückeroberung und sonstigen patriotischen Ereignissen feiern und läuten ließ, die Abgabe einer Kirchenglocke, die ein Geschenk des Kaisers war, und der blinden Orgelpfeifen geschmerzt haben.

Von Bernd Lindenthal

Quelle: HNA

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