Oberst Alfons Mais, Kommandeur der Luftbeweglichen Brigade 1, im HNA-Gespräch

Die Lösung liegt im Land

Kommandeur im Gespräch: Oberst Alfons Mais ist der Chef von 6500 Soldaten der Luftbeweglichen Brigade. Viele von ihnen werden kommendes Jahr nach Afghanistan gehen. Fotos: Zerhau

Schwalm-Eder. Als Kommandeur der Luftbeweglichen Brigade 1 ist Oberst Alfons Mais für 6500 Soldaten verantwortlich. Dazu gehört das Kampfhubschrauberregiment 36 in Fritzlar und das Jägerregiment 1 in Schwarzenborn. Im kommenden Jahr werden etliche Soldaten nach Afghanistan gehen. Wir sprachen mit Mais über den Einsatz.

Die Soldaten der Brigade stehen vor einem Afghanistaneinsatz im Jahr 2012. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Alfons Mais: Für die Auslandseinsätze gibt es eine Routineausbildung mit verschiedenen Modulen, die jeder Soldat durchläuft. Wenn dann ein konkreter Einsatz ansteht, gibt es eine sehr enge Ausbildungssystematik. Das ist ein fester Ablauf, der sich jetzt abspult.

Aber es gibt doch Unterschiede, ob ein Soldat in den Kosovo oder nach Afghanistan geht?

Mais: Absolut richtig. Ab einer bestimmen Stelle der Ausbildung haben die Soldaten unterschiedliche Ausbildungsinhalte. Dazu gehören die Geschichte des Konflikts, der kulturelle Hintergrund und der konkrete Auftrag.

Man kann sicher nicht alle Situationen trainieren. Wie viel Unsicherheit bleibt?

Mais: Es gibt natürlich ein militärisches Handwerkszeug. Wir legen im Heer großen Wert auf die Befähigung zum Kampf. Alle Soldaten müssen in einer Bedrohungssituation in der Lage sein, sich selbst zu behaupten und den Auftrag durchzuführen.

Wir glauben, so eine körperliche und mentale Robustheit herzustellen, die einen großen Anteil abdeckt; aber nicht alles. Wir versuchen, die Soldaten in Bedrohungsszenarien zu bringen, die für einen Einsatz typisch sind.

Wie viele Soldaten gehen an den Hindukusch?

Mais: Federführend ist die 13. Panzergrenadierdivision in Leipzig, und unsere Division leistet Unterstützung mit Einzelpersonen und Verbänden, die Leipzig nicht hat.

Es wird alle Truppenteile der Brigade betreffen, vor allem das Jägerregiment in Schwarzenborn. Genaue Zahlen lassen sich noch nicht sagen, es werden aber mehrere hundert Soldaten sein.

Welche Rolle wird der Kampfhubschrauber Tiger im Einsatz spielen?

Mais: Kampfhubschrauber übernehmen im Regionalkommando Nord in Afghanistan Aufklärungs-, Begleitschutz- und Überwachungsrollen, aber auch Unterstützung für Bodentruppen mit Feuerkraft.

Diese Rolle nehmen heute amerikanische Streitkräfte in unserem Verantwortungsbereich wahr. Unser Ziel ist es, dass der Tiger diese Rolle übernehmen kann, wenn es denn militärisch und politisch so entschieden und gefordert wird. Wir sind aber noch nicht soweit.

Wie gefährlich ist der Einsatz in Afghanistan?

Mais: Der Einsatz ist gefährlich. 52 deutsche Soldaten sind dort ums Leben gekommen, davon 34 durch Fremdeinwirkung, durch Anschläge, Hinterhalte und Gefechte.

Wie gehen Sie als Kommandeur mit dem Gedanken um, dass Ihre Soldaten verletzt oder getötet werden können?

Mais: In der Heimat bewegt mich ständig die Frage: Haben wir an alles gedacht? Geben wir den Soldaten alles mit, was sie brauchen – geistig und materiell und von der Ausbildung her?

In der konkreten Situation muss man sich die Frage stellen, ob es eine Alternative gibt, den Auftrag zu erfüllen, ohne Soldaten in die Gefahr zu schicken. Am Ende ist es eine Risikoabwägung: eine Frage des Vertrauensverhältnisses zwischen Truppe und militärischem Vorgesetzten, der auch als Vorbild voran gehen muss.

Verstehen die Menschen in Deutschland eigentlich, was deutsche Soldaten in Afghanistan tun?

Mais: Mein persönlicher Eindruck ist, dass sich das Verständnis gebessert hat. Wir sind durch eine Phase gegangen, in der die Dinge offen angesprochen wurden und es realistischer geworden ist.

Die Ziele sind realistischer geworden: Ich glaube, heute spricht niemand mehr davon, eine Westminster-Demokratie nach Kabul zu bringen. Alle haben verstanden, dass die Lösung für Afghanistan im Land gefunden werden muss. Deswegen ist der Auftrag auf die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte fokussiert, die selbst für Sicherheit sorgen sollen.

Dieses Konzept wird von der Bevölkerung verstanden, zumal es mit einer Abzugsperspektive verknüpft ist.

Von Olaf Dellit

Quelle: HNA

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